Humpeln oder wie mein Vertrauen in die allgemeine Hilfsbereitschaft erschüttert wurde

An einer kopfsteingepflasterten Straßenkreuzung steht unser Nachbarhaus. Es ist groß, hat viele Mietwohnungen, genau wie unser Haus am Ende der Straße. Im Nachbarhaus wohnen eine Fensteroma und ein Fensteropa – er im ersten Stock, sie im zweiten, beide haben gemütliche Decken und Kissen auf dem Fensterbrett, um beim 24-Stunden-Dauerbeobachten keine Unbequemlichkeiten fürchten zu müssen. 

Schräg gegenüber ist ein kleiner Laden, der aufgrund einer miserablen Kundensituation grundsätzlich eine weit offenstehende Tür hat. 

Vor einer Woche, als ich an einem warmen Nachmittag bei leichtem, sommerlichem Dauernieselregen von einem Hundespaziergang nach Hause kam, ging ich auf diese Kreuzung zu, die Hundeleine fest um die linke Hand gewickelt, denn an dieser Ecke wimmelt es von sich wild vermehrenden Katzen, und mein Hund ist leider in Bezug auf Katzen äußerst intolerant. Kaum hatte ich einen schicken BMW passiert, dessen etwa 20jähriger Besitzer bei offenem Fenster und ausgeschaltetem Motor auf dem Fahrersitz saß, passierte, was passieren mußte: eine Katze besaß die Frechheit, sich meinem Hund zu zeigen und dann in Richtung unseres Hauses zu schlendern. Der Hund will hinterher, rutscht auf dem nassen Pflaster aus, stolpert mir vor die Füße, ich stolpere über den Hund, rutsche ebenfalls auf dem nassen Pflaster aus und krache mit Schwung abwärts. Mein rechter Ellbogen wird geprellt, die Haut meines linken Knies klebt nun an der Hose statt am Bein, ich sitz-liege da und knirsche mit den Zähnen, der Hund bellt. Und jetzt – nichts. Ich mußte einige Minuten auf der Straße sitzen bleiben, bis sich der erste Schmerz soweit gelegt hatte, daß ich aufstehen konnte. In dieser Zeit kam niemand auf die Idee, mir Hilfe anzubieten; der BMW-Besitzer sah nicht aus dem Fenster, die Ladenbesitzerin nicht aus der Tür, die Fensterrentner waren verschwunden, der Mann, der seine Flaschen in den 2 Meter entfernten Container warf, gönnte mir exakt einen 0,5-Sekunden-Blick bevor er verschwand und aus der Straße hinter mir rief jemand „Ey! Ruhe da!“, weil der Hund bellte.

Ich verstehe, daß andere Leute Angst vor bellenden Hunden haben, hatte ich früher auch. Aber wenn man schon geschützt im Auto sitzt – einen halben Meter entfernt! – und ein Handy dabei hat, warum kann man da nicht wenigstens fragen, ob ein Notarzt nötig ist? Was hätte ich tun können, wenn ich mir ein Bein gebrochen hätte? Und ich bin nur auf die Nase geflogen, nicht mit einem Messer bedroht oder vom Auto überfahren worden. Was wäre in dem Fall passiert? Ebenfalls nichts? Ich war noch tagelang fassungslos (okay, ich bin´s immer noch) und fragte mich, ob ich wirklich in so einer Welt leben möchte. Jetzt bin ich zutiefst dankbar, an keiner körperlichen Behinderung zu leiden. Wären solche Situationen Alltag für mich, würde ich vermutlich irgendwann komplett ausrasten und Amok humpeln. 

Nachdem ich sämtliche Familienmitglieder und Freunde mit der Geschichte belästigt hatte, meinte meine Mutter, sie hätte vor 20 Jahren beobachtet, wie an einer Bushaltestelle voller wartender Menschen eine hochschwangere Frau von einem Radfahrer umgefahren wurde und niemand ihr aufhalf. 

Ein Arbeitskollege dagegen erzählte, er hätte vor ein paar Tagen beobachtet, wie eine junge Frau einem fremden älteren Mann auf der Straße half, dem es plötzlich sehr schlecht ging: Sie packte ihn, um ihn aufrecht zu halten, stellte sich mit ihm mitten auf die Straße, hielt das nächste Auto an und bat den Fahrer, sie beide ins nächste Krankenhaus zu fahren, was der Autofahrer auch prompt tat. 

Seit der Geschichte ist meine Weltsicht wieder etwas ausgeglichener.

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2 Kommentare to “Humpeln oder wie mein Vertrauen in die allgemeine Hilfsbereitschaft erschüttert wurde”

  1. Ja, solche Geschichten kenne ich 😦
    Ich hatte selber so etwas erlebt und hier berichtet: http://erdwurzelchen.wordpress.com/2008/12/14/selbstverstandnis-und-selbstverstandlich/

    Da ich nicht möchte, dass mir so etwas passiert, versuche ich eben so gut wie möglich anderen zu helfen. In der Bahn aufstehen, wenn eine alte Oma (darf auch ein Opa sein ^^) sich hinsetzen will, etc. Letztens habe ich ein Ausdruck von unserem Fahrkartendingsbums gefunden (habs gerade mit den Namen) wo die ganzen Kontodaten aufgelistet waren. Auch wenn die Person das vielleicht nie mitbekommt, ich habe es zerfetzt und hoffe eben, dass mir da mal was gutes passiert, wenn ich Hilfe brauche.

    Ich hoffe dir geht es inzwischen besser 🙂

    lllg
    Wolfskatze

  2. Ja, mir geht´s gut, alles nicht so schlimm. 🙂
    Ich bin nur auch ein Für-andere-den-Platz-frei-Macher und mir war so unbegreiflich, das alle einfach weggeguckt haben.

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