Begegnungen

Heute habe ich wieder die Herrscherin gezogen, als Tageskarte.

 

Gestern Abend, als ich gerade mit forschen 100 km/h (mein Auto und seine unzähligen Wehwehchen sind vielleicht noch eine eigene Artikelkategorie wert) und laut Bill Miller mitsingend auf der Autobahn entlangpreschte, sah ich es rechts plötzlich schwarz flattern. Ich sah genauer hin, das Flattern wurde zu einem eleganten Segeln, und direkt vor meiner Windschutzscheibe und keine 2 Meter über mir überquerte ein kleiner Storch die Autobahn. Storchenbeine und Patschfüße waren noch schwarz, ebenso der Schnabel. Nachdem ich in den letzten 4 Monaten von Elstern regelrecht verfolgt wurde, ist das eine willkommene Abwechslung. 

Vorgestern begegnete mir auf der Hunderunde ein Junge von vielleicht 14 Jahren, nicht sehr groß für sein Alter, gepflegt und in die Gegenrichtung unterwegs. Erst, als ich schon einige Meter an ihm vorbei war, sagte er etwas fragend „Achso… Hallo?“, ich drehte mich um und erkannte ihn jetzt wieder:

Vor 2 Wochen hatte ich ihn schon einmal bei einer Hunderunde getroffen: er und ein Mädchen im etwa gleichen Alter waren auf dem Parkplatz unseres Wohnhauses gewesen. Der Parkplatz ist groß für nur ein Haus, von einem hohen Eisenzaun um geben und von Hecken umwachsen, und die beiden hetzten durch das offene Tor hinein und versteckten sich hinter einem Auto. Ich hielt das zunächst für eine harmlose Kinderei. Als ich mit dem Hund bis zur nächsten Kreuzung kam, fuhr ein Polizeiauto im Schritttempo an mir vorbei und die zwei Polizisten im Innenraum blickten mit gerunzelter Stirn die Straße auf und ab. Hundi und ich liefen in ein Wäldchen und sahen den Polizeiwagen irgendwann umkehren und im selben Tempo zurückschleichen. Als ich auf dem Rückweg am Zaun unseres Parkplatzes entlangging, waren die beiden immer noch dort, und so fragte ich sie, was sie denn dort machten. Erst drucksten sie herum und murmelten irgendwas zum Abwimmeln, und als ich sagte, die Polizei wäre bereits weitergefahren, lief der Junge rot an und sagte:

„Es ist nicht so, wie Sie denken. Wir haben nichts ausgefressen, es ist nur – meine Freundin hier ist aus dem Kinderheim abgehauen, und wenn sie von der Polizei gefunden wird, bringen die sie zurück zu ihren Eltern, und der Vater schlägt sie.“ Das Mädchen, das mit seiner Make-Up-Schicht älter aussah, als es wahrscheinlich war, nickte nur die ganze Zeit. Sie erklärten mir noch, daß sie schon einige Male weggelaufen und wieder eingefangen worden war und die nächsten Tage erstmal hier in der Stadt bei ihrem Freund bleiben könne.

Ich gab den beiden eine Durchwahlnummer einer Sozialarbeiterin aus meiner Familie, und sagte, wenn sie anonym bleiben wolle, könne sie das auch einfach so am Telefon sagen, und fragen, welche Möglichkeiten es für sie gibt, eine Unterbringung zu finden, ohne das man die Polizei einschaltet. Der Junge schien für die Möglichkeit dankbar zu sein, das Mädchen sah eher genervt aus. 

Am nächsten Tag fragte ich meine Verwandte, ob einer der beiden angerufen hätte, doch sie meinte nur: „Du weißt nicht, wieviel von der Geschichte wirklich stimmt, und falls sie stimmt, wieviel Vertrauen so ein Kind noch in Erwachsene und in soziale Einrichtungen hat. Solche Kinder rufen leider nie an.“

Jedenfalls, da war der Junge wieder, vorgestern auf der Hunderunde. Ich fragte ihn, wie es dem Mädchen ginge, und er meinte leicht verlegen: „Ach der geht´s gut, die ist wieder zurück ins Heim in ihrer Stadt gegangen.“ Als ich fragte, warum sie überhaupt abhaut, meinte er, sie würde es dort einfach langweilig finden. 

Und die Moral von der Geschicht´? Ich habe noch keine gefunden, wenn ich ehrlich sein soll. Zumindest scheint es ihr gut zu gehen, was immer man darunter verstehen soll.

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