…und wieder zu Hause

Ich bin zurück. Wir mußten aus Hundegründen leider etwas früher die Segel streichen – es hat sich herausgestellt, daß die Nachbarn 2 Meerschweinchen haben. Hatten. Jetzt nur noch eins. Die Nachbarn sind selbst gar nicht da gewesen, sondern haben nur Bruder + Gattin den Garten und das Hüten der Schweinchen überlassen. Der Garten hat leider keinen Zaun zu unserer Seite, und am 6. Tag hat der Hund dann am Morgen Witterung aufgenommen, ein Meerschweinchen aus dem Gehege genommen (ein kleiner Freilauf, nur durch einen Holzbalken auf der Erde begrenzt, der nicht mal für die Schweinchen ein Problem dargestellt hätte, wären sie abenteuerlustig gewesen) und es mir voller Stolz und Wedel präsentiert. Ich, in panischer Angst um das nachbarliche Meerschwein, raste ins Haus und holte ein getrocknetes Schweineohr (vom richtigen Schwein) als Tauschobjekt. Der Hund akzeptierte, ließ das kleine Schweinchen fallen und ging mit dem Ohr ins Haus in sein Bettchen. Ich guckte mir das Schweinchen aus der Nähe an und fand keine Wunde, nur eine kleine Sabberspur im Fell an der Seite. Das Schweinchen guckte sehr verängstigt und zappelte widerwillig, als ich es hochnahm, sah aber sonst unversehrt aus. Ich legte es also zurück in sein Gehege und beschloß nach Absprache mit meinem Freund, bei Lidl eine Rolle Absperrband zu kaufen und einen provisorischen Zaun zu ziehen (obwohl der Nachbar eigentlich keinen Zaun wollte, aber da muß man halt Prioritäten setzen).
Dann ging ich hinüber und klopfte am nachbarlichen Gartenhäuschen. Da dort die Jalousien stets unten waren und wir keinerlei Geräusche oder Gespräche gehört hatten, waren wir nicht sicher, ob da überhaupt noch jemand war, aber die Anwesenheit der Meerschweinchen ließ ja auf einen Gehegeaufseher schließen. Tatsächlich saß das Ehepaar auf einer so perfekt abgeschirmten Veranda, daß sie von der ganzen nur 20 Meter entfernten Schweineaktion offensichtlich nicht das Geringste bemerkt hatten. Ich klärte sie also über den Vorfall auf und bot an, sicherheitshalber mit dem Schweinchen zum Tierarzt zu fahren (falls es eine Schockbehandlung braucht oder so, keine Ahnung, wie Meerschweinchen ticken). Sie meinten, das sei sicher nicht nötig, wenn es dem Schwein gut gehe. Ich sagte, davon sollten sie sich am besten selbst überzeugen, und bat sie, mit zum Gehege zu kommen und einen Blick zu werfen.
Wir kamen, sahen, und das Meerschwein regte sich nicht. Nach 5 Sekunden reglosen Starrens meinte Frau Aufseherin: „Dat is dout.“ Ich war sprachlos und legte meine Hand aufs Schwein. Tatsächlich – kein Puls mehr, und den hatte ich vorher deutlich (rasen) gefühlt. Ich sagte noch einmal, daß ich wohl am besten dringend mit Schweini zum Tierarzt fahren sollte, aber ohne Zögern verkündeten nun beide Schweinchenhüter, das Schwein sei tot, man sehe ja ganz deutlich keine Atmung. Da das Tierchen extrem plüschig war und bei seiner Größe vermutlich auch nur eine kleine Lunge hatte, wollte ich das so vom bloßen hinsehen nicht glauben, aber sie ließen nicht mit sich sprechen, erklärten das Schwein hier und jetzt für ein tragisches Attentatsopfer und zogen mit ernsten Mienen von dannen, um den Gartenbesitzer zu informieren, dessen kleiner Tochter die beiden Tierchen gehören.
Ich ging etwas schockiert zurück ins Haus, erklärte dem Hund die völlige Abwesenheit von Intelligenz in seinem Kopf und meinem Freund, was passiert war. Dann ging ich nochmal rüber, um mich zu entschuldigen und wurde vom Aufseher angefahren, der Bruder hätte bestimmt, er selbst würde DAS seiner Tochter nicht erklären, das könnten die beiden mal schön selber machen, und so ein Hund gehöre doch angeleint, und überhaupt würde seine Frau sich schon sein Tagen nicht mehr aus dem Haus trauen, weil der Hund so bösartig sei, und jetzt müsse er auch noch das Schwein begraben. Voller Rückzug von meiner Seite. Ich griff zum Telefon, um meiner Schwiegermutter, der der Garten gehört, die Geschehnisse zu berichten und wurde begrüßt mit einem mitleid- und sorgenvollen „Ja, hab schon gehört, der Hund hat ein Meerschweinchen totgebissen, der Nachbar hat mich gleich angerufen.“ AAARGH. Ich erklärte also die Situation aus meiner selbstverständlich einzig richtigen Sicht (der arme Hund kann doch nichts für seinen Jagdtrieb, und wer Angst vor Hunden hat, muß uns das einfach nur sagen, dann legen wir ihn selbstverständlich an die Leine, und unsere blöde Idee war das nicht, dort keinen Zaun zu ziehen, damit man mal in einigen Jahren Wein pflanzen kann) und legte wieder auf. Dann ging ich noch einmal zum Nachbarn und fragte ihn, wie die Tochter heiße, denn ich wollte ihr in einem Brief erklären, was passiert war. Mittlerweile hatten wir beschlossen, den Urlaub abzubrechen, um die Nachbarn nicht einem erhöhten seelischen Stress auszusetzen. Mein Freund packte also zusammen und ich saß mit Stift und Taschentuch (mir tat das Kind ehrlich Leid, noch dazu, weil es einen Vater hat, dessen erste Reaktion war, es seinem Kind nicht selbst erzählen zu wollen, sondern erstmal einen Schuldigen außerhalb der eigenen Reihen festzumachen, den man dann noch jahrelang anprangern kann, hurra) auf der Terrasse und schrieb dem Mädel, was passiert ist, und daß alle Hunde einen Jagdinstinkt haben und unserer ihm nur nachgeben konnte, weil ich ihn nicht angeleint hatte, denn ich wußte nicht, daß dort kleine Schweinchen wohnen. Ich habe ihr ganz klar geschrieben, daß das in erster Linie meine Schuld war, denn ich wollte nicht, daß die Kleine für den Rest ihres Lebens Angst vor Hunden hat. Dann habe ich auf der Rückseite eine Notiz an die Eltern angefügt und mich ein weiteres Mal entschuldigt und noch einmal dezent am Rande erwähnt, daß Zäune gute Erfindungen sind, und das Ganze zusammengerollt und mit einem Lavendelzweig versehen bei den Schweinehütern abgegeben.
Ich hoffe nur, die Kleine hat das Ding auch erhalten und durfte es lesen; angeblich sind sie und die Eltern heute erst angereist. Ich muß nachher mal die Schwiemu fragen, wie es ausging…

Sonst war der Urlaub eigentlich ziemlich schön. Es war zwar schweine(ups)heiß, aber ich bin zweimal in der Ostsee gewesen, beide Male am Hundestrand, aber Schnuffel hatte keine Lust. Statt dessen hat er entweder würdevoll die Decke bewacht oder an doppelt so großen Doggen geschnuppert.
Wir haben abends gescrabblet und geceltict, schöne Spaziergänge gemacht und ich habe ein supertolles Buch gelesen, aber dazu schreibe ich extra nochmal.

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4 Responses to “…und wieder zu Hause”

  1. oh mei, das arme schweinchen. um das tut’s mir wirklich leid (mit knopfaugen sind die viecherl echt sooo süß…war früher auch meerschweinmama). ich hoffe mal, daß sich aus dem zwischenfall kein übles nachspiel für euch ergibt. und ich hoffe, daß das kind den brief zu lesen bekommt und es gut aufnimmt, daß ihr schweini weitergegangen ist.

  2. Oh weh…das arme Tierchen.
    Wie schrecklich.
    Das tut mir leid, das sowas passiert ist.

  3. Danke, Ihr beiden. Inzwischen habe ich erfahren, daß dem Kind gar nichts erklärt wurde – Schweinchen ist einfach gestorben, basta. Und die Gartenbesitzer haben von ihrer schweinehütenden Verwandtschaft mittlerweile eine erhebliche Agitation erfahren – der Hund habe vorbeilaufende Leute angebellt (stimmt, so wie alle Hunde in der Gartenanlage) und Anstalten gemacht, über den Zaun zu springen (Quatsch, denn wenn mein Hund springen will, dann springt er, der Zaun ist ein lachhaftes Hindernis), und seine Frau habe sich nicht aus dem Haus getraut, denn ständig sei der Hund auf ihrem Grundstück gewesen (glatt gelogen, denn wir haben ihn erst nach 5 Tagen mal eine Stunde frei laufen lassen) usw.
    Ich glaube, sie denken, sie bräuchten selbst keine Verantwortung zu übernehmen, wenn sie uns im Nachhinein kriminalisieren, und finde das eine ganz schön schwache menschliche Leistung. Daher werde ich dem Gartenbesitzer noch einen Brief mit meiner Sicht schreiben, obwohl er mit großer Wahrscheinlichkeit zu seinem Bruder halten wird, aber ich kann das nicht so auf mir sitzen lassen.

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