Fensterassis, Fotos, Musik

Heute früh ging ich mit dem Hund raus. Da wir am Ende einer Sackgasse wohnen, müssen wir immer zwangsläufig am Nachbarhaus vorbei, um irgendwohin zu gelangen. In diesem Nachbarhaus wohnen Fensteromas und -opas (hab ich glaub ich auch schon drüber geschrieben). Einer von ihnen ist ein Mann schwer zu schätzenden Alters mit Brillengläsern wie Flaschenböden, der stets völlig unbewegt aus seinen Fenstern stiert. Er hat eine Eckwohnung im Hochparterre, also sehr praktisch. Nie sagt er etwas, bis auf seine einmalige Entgleisung, als er meinem Freund, der sein Auto mit 2 Reifen auf dem Bürgersteig vor dem Haus parkte, entgegenbölkte: „Da kannste auch gleich in meinem Wohnzimmer parken“.
Eine andere ist eine Frau von schätzungsweise 50-60 Jahren, die die Wohnung auf der anderen Seite der Eingangstür, ebenfalls im Hochparterre hat. Sie ist sehr gesprächig, wies mich schon freundlich auf Knöllchen an der Windschutzscheibe hin und darauf, wie man die vermeiden könne, und immer ist sie dabei so herzlich und nett, daß ich es irgendwie nicht schaffe, mich auch nur ein wenig über sie aufzuregen. Manchmal begegnet sie mir auch draußen und redet ein paar Worte mit meinem Hund, so auch neulich, als er vor ihrem Haus seinen Lieblingslaternenpfahl begoß. Sie stand mit dem Fahrrad in der schmalen Hofeinfahrt und hinter ihr tauchte ein älterer Mann im Rollstuhl auf, der schweigend darauf wartete, daß die Einfahrt frei würde. Ich sagte, sie müsse da wohl mal jemanden durchlassen, und sie meinte, ach ja, das ist mein Mann.
Und heute früh, an ebendiesem Laternenpfahl, begegnete mir der Flaschenbodenbrillenträger und machte auf meinen Gruß hin einen beiläufigen Witz. Es war kein geistreicher Witz (natürlich muß der Laternenpfahl nicht mehr wachsen, es ist also nicht nötig, zu gießen), aber es war eine freundliche Kontaktaufnahme. Und plötzlich habe ich mich geschämt. Diese Leute, die mir manchmal so auf die Nerven gehen, wenn sie Stunden, Tage, Wochen, mittlerweile Jahre die ich an diesem Haus vorbeigehe, aus dem Fenster gaffen und mir dieses unterschwellige Big-Brother-Gefühl geben, diese Leute haben auch ein eigenes Leben. Sie sind offensichtlich keine Intelligenzbolzen und oft so langsam im Denken, daß die Zeit, die ich brauche, um am Fenster vorbeizugehen, kaum reicht, um mein „guten Tag“ zu erwidern – das heißt aber nicht, daß sie gar nicht denken. Sie führen ein Leben mit mehr Herausforderungen als ich auf ihre Weise. Wie könnte ich damit umgehen, wenn mein Mann im Rollstuhl säße und wir beide sozialhilfeabhängig wären? Wäre ich dann auch so herzlich, freundlich und gesprächig? Wie wäre ich, wenn ich völlig allein wäre, ohne jeden Angehörigen? Würde ich auch aus dem Fenster sehen oder vielleicht doch lieber in den Fernseher?
Ich habe mir diese Frage schon oft gestellt, in vielen verschiedenen Situationen: Wann kommt es uns denn zu, über einen anderen Menschen zu urteilen? Kommt es uns überhaupt jemals zu? Wie oft passiert es, daß wir einem Menschen, den wir sehr gut kennen oder sogar lieben, Beweggründe für eine Handlung unterstellen, die nicht nur nicht zutreffen, sondern für diese Person sogar verletzend oder beleidigend sind? Um wieviel mehr irren wir uns dann wohl in der Einschätzung Fremder, mit denen zu reden wir uns noch nicht einmal die Mühe gemacht haben? Natürlich, diese Leute könnten mehr aus ihrem Leben machen – schon Kreuzworträtsel halten wenigstens etwas geistig fit. Aber so betrachtet sollten noch ganz andere Leute mehr aus ihrem Leben machen, da sind harmlose Fenstergucker nicht die Menschen, über die ich urteilen wollte – dann schon eher einen Außenminister ohne eine Spur diplomatischen Talents oder Bereitschaft zu internationaler Kooperation, Leute, die Bierflaschenscherben über sämtliche Gehwege unserer Stadt verteilen, Leute, die kleine Kinder auf heiße Herdplatten setzen. Aber wer bin ich, mich innerlich über einen Menschen zu erheben, dessen einziges Vergehen darin besteht, lange aus dem Fenster zu sehen?

Nun zu den Fotos – eeendlich kann ich die Fotos reinstellen. Okay, ich beginne mit meiner allerersten Strickarbeit – die Babymütze für meine im Februar erwartete Großnichte. Damit sie einigermaßen sitzt habe ich sie – in Ermangelung eines Babykopfes – auf eine dicke Kerze gesetzt.

Babymütze01

Jetzt der Herbst in unserer Gegend: Vor dem Gewitter:

Gewitterstimmung

– und am nächsten Vormittag beim Spaziergang:

Spinnweb
Hm. Beim Scannen scheint sich das Spinnweb aufgelöst zu haben. Schade.

Und dann noch einige Türen, Fenster und Hausgiebel:

Giebel

FensterVerwelkt

TürFloral

Dieses fantastische gußeiserne Motiv geht noch weiter: Der Baum, vor dem der Jäger steht, wächst am rechten Rand aufwärts und breitet eine Krone am oberen Türrand aus. Leider ist unter der Krone das Namensschild der Bewohner, daher habe ich nur den unteren Teil hier:

TürJagdmotiv

Und mal etwas nostalgisch:

ZaunMitRose

Und hier noch zwei Skulpturen, die im Park vor unserem Standesamt stehen. Falls einer von Euch eine Idee hat, was es mit diesem Mann auf sich hat, der von einem Löwen und einem Eber angegriffen wird, immer her damit.

SkulpturStandesamt01

und

SkulpturStandesamt02

Das war´s erstmal mit Fotos. Jetzt noch ein bißchen Musik, das hebt die Laune – zumindest meine, und ich schäme mich nicht, zuzugeben, daß ich total auf guten Country stehe. 😀
Hier mein alltime favourite:

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3 Kommentare to “Fensterassis, Fotos, Musik”

  1. Die Frage ist ja, ob man sich nicht trotzdem durch ein regelrecht verfolgendes Anstarren hin belästigt fühlen darf. Manchmal erhält man das Gefühl, – trotz der Tatsache, eigentlich „draußen“ zu sein – wie im Zoo eine, vielleicht die einzige Attraktion im Umfeld zu sein.

    Ich möchte nicht über Menschen in einer derart schweren Situation urteilen, und ich tu es dennoch – indem ich den vielleicht tragischen Hintergrund ausblende und einfach nur die Mißachtung jeglicher Höflichkeit sehe, die mich in diesen Big-Brother-Momenten überfällt.

    Hinter sehr vielen Menschen, die meiner Meinung nach unmoralisch oder schlecht oder falsch handeln, steckt eine tragische Geschichte – ich möchte trotzdem Urteile fällen dürfen über ihre Handlungen.

  2. Naja, vielleicht ist da noch ein Unterschied, ob man eher den Menschen beurteilt (was für ein dämlicher Assi) oder eher die Situation (wie eklig, so angestarrt zu werden). Denn was das Urteilen über Menschen angeht, kommt man ja schnell auch vom Urteil zum Verurteilen. Andererseits lassen sich Mensch und Handlung nicht trennen. Dilemma.

  3. Schöner Post, der bringt einen richtig nochmal zum Nachdenken.

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