Der Hund

Wie bin ich eigentlich auf den Hund gekommen?

Der Hund, den ich seit 2,5 Jahren besitze, ist letzte Woche 6 Jahre alt geworden. Mit seinem Geburtstermin Anfang November vermute ich mal, daß er als „Weihnachtswelpe“ im Dezember in seine Familie kam, die sich bereits nach kurzer Zeit einem heranwachsenden Jagdhund nicht mehr gewachsen sah. Erst wurde er innerhalb seiner Familie weitergereicht und zog mehrmals über große Distanzen um, zuletzt war er bei einer Frau, die alleine in einer Großstadt lebte, aber einen Vollzeitjob hatte und die dem Himmel sei Dank endlich die Entscheidung traf, ihn im Tierschutz abzugeben. Frauchen zum Frühstück und nachts, und tagsüber noch einmal pieseln mit dem Hundesitterservice ist halt einfach nicht genug. Diese Frau jedenfalls scheint den Hund sehr gemocht zu haben, sie hat ihn nämlich nicht einfach ins nächste Tierheim geschafft, sondern sich kundig gemacht und eine Internetorganisation gefunden, die die Hunde in Pflegefamilien aufnimmt, bis sie vermittelt werden können. In diesen Pflegefamilien versucht man, die Hunde mit Menschen, anderen Hunden und nach Möglichkeit Kleintieren zu sozialisieren, sie werden gechipt, geimpft und kastriert (letzteres, weil die meisten Hunde, die dort unterkommen, vorher jahrelang in illegalen Massenzuchten bis zur totalen Erschöpfung missbraucht wurden) und je nach Bedarf grundlegend erzogen, und die Pflegefamilie schreibt ein Onlinetagebuch über den Hund und seine Entwicklung. Irgendwann sagt man, der Hund sei jetzt bereit zur Vermittlung, und ab diesem Moment ist das Tagebuch auch für Nichtmitglieder der Organisation auf der Internetseite öffentlich einsehbar.
Ich finde das eine tolle Sache, denn als ich vor drei Jahren beschlossen habe, ich bräuchte einen Hund, habe ich Tierheime ohne Ende abgeklappert und fand eins schlimmer als das andere.
Jedenfalls schrieb ich an diese Organisation, ich wolle einen Hund, mußte allerhand Angaben zu meiner Person und meiner Wohnung machen (viele dieser Hunde können z.B. nicht mehr Treppen steigen) und bekam einen Termin für eine sogenannte Vorkontrolle. Da wird man von einem Mitglied des Vereins besucht, unterhält sich mit dem über die beabsichtigte Art, mit dem Hund umzugehen, der guckt sich Wohnung und Umgebung an und entscheidet dann über die Eignung, einen solchen Notfallhund zu bekommen. Meine Vorkontrolleuse brachte ihre eigenen Hündin mit, eine extrem ängstliche ehemalige Zuchthündin, und sagte mir beim Abschied, die Hündin hätte entschieden, als sie mir beim Gespräch die Schnauze in den Schoß gelegt und sich habe streicheln lassen. Stolzgeschwellt wartete ich nun darauf, „meinen“ Hund empfangen zu dürfen – einen absolut süßen, diabetischen, alten Knacker -, mußte jedoch zurückstecken, weil der Hund aufgrund seiner Diabetes jahrelang nicht hatte vermittelt werden können und nun die Kinder der Pflegefamilie so an ihm hingen, daß sie ihre Eltern beknieten, ihn zu behalten. Naja, klar, daß der alte Herr auch nicht aus Formlitäten heraus nochmal zu einem Umzug gezwungen werden sollte. Damit ich nicht traurig wäre, rief mich einen Tag nach dieser Absage eine Organisatorin des Vereins an und sagte, es gäbe da einen anderen Hund, der zwar noch nicht so alt, aber ein ganz lieber und ruhiger sei, schon nach 7 Wochen vermittelt, aber die neue Familie hätte ihn wieder zurückgegeben (völlig unerklärlicherweise), und ob ich nicht usw. Hng. So ein Hund ist ja schon auch eine Sympathiesache, daher wollte ich nicht einfach zuschlagen – ich hatte mich schließlich absichtlich für den alten Knacker entschieden, denn ich lebte auch alleine und wollte einem aufgedrehten Junghund nicht antun, 4-6 Stunden täglich (halbe Stelle) allein sein zu müssen. Also nahm ich diesen Hund erstmal als neue Pflegestelle auf.
Er war fett, faul, stur, der Boss in allen Lagen und am ganzen Körper wund. Seine erste Aktion in meinem Leben bestand darin, mich in der offenen Eingangstür komplett zu ignorieren, durch den Hausflur zu meiner Wohnung und dort durch den Flur und das Wohnzimmer in die Küche zu laufen, sich mit den Vorderpfoten auf die Spüle zu stellen und die Auflaufform darin auszulecken. Meine Vorkontrolleurin und ihre Hündin begleiteten uns noch auf einem Spaziergang, dann war ich mit dem häßlichen, tranigen, fetten Kerl alleine. Wir fanden 2 Wochen lang keinen Zugang zueinander. Er ignorierte mich und fand Spazierengehen doof – mußte er ja früher auch nicht machen, und jetzt gleich 2 Stunden am Stück?!?!? – und ich hatte wenigstens ein bißchen rassetypisches Verhalten erwartet. Oder wenigstens hundetypisch. Wie, nicht mal kraulen darf ich? (Mittlerweilse ist mir klar, daß ein Hund, der schon 5 Rudel in 3 Jahren durchhatte, sich nicht so einfach an jemand Neues bindet.) Außerdem war es für mich ein total ungewohntes Gefühl, einen Mitbewohner zu haben. Ich hatte immer, schon als Studentin, alleine gewohnt, weil ich Wert auf meine Privatsphäre lege, und jetzt war auf einmal ein Mann im Haus. 😀 Seeehr seltsames Gefühl.
Doch dann mußte ich ihn mit auf eine Familienfeier nehmen. In fremder Umgebung war sein Frauchen plötzlich das einzig Vertraute für ihn, und er verzweifelte fast, als meine Mutter mit ihm einen Spaziergang machte – ohne mich. Als sie zurückkamen, sprintete er mit solcher Wucht in meine Richtung, daß meine Mutter sich längs auf die Straße legte. Von der Sekunde an rannte mir der Hund überallhin nach. In den Keller. Um die Tischtennisplatte. Aufs Klo. Und von dem Moment an akzeptierte er mich auch als Rudel und ließ sich erziehen, in Kleinigkeiten wenigstens. 🙂 Ein Sturkopf ist er immer noch. Jetzt wiegt er nicht mehr 40, sondern nur noch 25 Kilo und sieht sehr elegant aus. Er hat auch gelernt zu spielen und geht sehr gerne mal 2 Stunden raus. Oder auch 5. Er kennt ungefähr 20 verschiedene Begriffe für „Futter“ und kann sie voneinander unterscheiden, und er hat sich mit solcher Kraft in unser Herz geschleimt, daß ich schon Sehnsucht nach ihm habe, wenn er nur mal ein paar Stunden bei meinen Eltern ist. Er ist nach wie vor schwer krank und nur unter täglicher Medikamentengabe einigermaßen symptomfrei, so daß wir uns sicher sind, daß er lange vor seiner Zeit gehen müssen wird, schon aufgrund der gravierenden Nebenwirkungen. Aber: er ist fröhlich, anhänglich, kuschlig und der Grund, das ich damals meinen Freund kennengelernt habe. Was will man also mehr? Er liegt immer in einer sehr charakteristischen Haltung auf dem Boden, die er noch aus seinen Fatty-Zeiten behalten hat:

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Und da ich derzeit mein Onlinetagebuch auf der Tierschutzseite nicht führen kann weil der Server mich ständig auslogt und mein Artikel immer gelöscht wird (grrrr!!), schreib ich eben hier.

So, und zu guter Letzt ist hier noch eine wirklich schöne Internetseite einer wirklich fantastischen Musikgruppe, von denen ich leider nichts auf YouTube finden kann: Jaiya.

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5 Kommentare to “Der Hund”

  1. Gut dass du es hier geschrieben hast und wir an der schönen Geschichte teilhaben können 🙂
    Ich gehe lieber nie bei uns am Tierheim entlang spazieren, sonst hätte ich inzwischen wohl einen Privatzoo daheim. Ich kann manchen Blicken einfach nicht widerstehen…
    Alles Liebe für euch 2

  2. Danke! Vor allem fürs Lesen dieses ellenlangen Beitrags. 😀

  3. Huhu
    wollte nur schnell Bescheid geben, das Du Dich noch beim Blog-Adventskalender anmelden kannst. Es sind noch einige Tage frei =)

  4. Was für eine wunderschöne Geschichte mit Happy End!
    Es ist einfach nur schön, dass der Hund bei Dir endlich ein gutes zu Hause hat.
    Mir wird viel zu oft schlecht, wenn ich sehe, wie der Mensch sich anmaßt, mit Tieren umzugehen.
    Mein Katerchen ist aus dem Tierheim – er wurde als winzig kleines Katzenbaby mit seinen Geschwisterchen in einen Karton gepackt und in den Wald abgelegt, wo sie glücklicherweise gefunden wurden. Er war so klein, dass er noch mit der Flasche aufgezogen werden musste im tierheim.

  5. Ja, solche Geschichten habe ich auch schon oft gehört. Manchen Leuten sind einfach die Kastrationskosten zu hoch, da werden dann lieber ab und an die Babys entsorgt. Schrecklich, sowas.

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