Launen und Gefühle

Ich habe eine Monatskarte für die Bahn. Ich komme damit aus dem Landkreis, in dem ich wohne, in die Großstadt, in der ich arbeite, egal, mit welchem Zug. Das ist preiswerter als Autofahren und man kann 2 Stunden (eine hin, eine zurück) mit einem guten Buch verbringen. Der Nachteil: man ist im Zug nicht allein.
Gestern hatte ich im IC eine extrem sauertöpfische Wachtel neben mir. Das Großraumabteil war sehr voll, als ich einstieg, und ihr starr ins Buch gerichteter Blick sowie die demonstrativ auf dem Nebensitz abgestellte Handtasche gaben deutliche Signale von sich – da konnte ich einfach nicht widerstehen, gerade sie freundlich zu fragen, ob der Platz neben ihr noch frei sei. Nun, er war, aber ihr halbherziger Versuch, die (zugegeben, recht große) Handtasche auf die Gepäckablage zu heben, scheiterte mehrere Minuten lang, was im Gang hinter mir einen Stau und bei der Dame noch üblere Laune verursachte, als sie sich letztlich genötigt sah, die Tasche vor ihre Füße zu stellen. Das tat sie mit unwirschem Knurren, und meine tröstlich gemeinte Bemerkung, ich würde in einer halben Stunde schon umsteigen, rief als einzige Reaktion hervor, daß sie umständlich nach der klappbaren Armlehne hangelte und diese zwischen unseren Sitzen niederdrückte. Auf meinen Abschiedsgruß hin grunzte sie noch ein „Schöß!“ in ihr Buch, und ich konnte mich in diesem Moment kaum zurückhalten, die Gute zu umarmen. Während der gesamten Fahrt war meine Stimmung in dem Maße gestiegen, in dem ihre gefallen war. Ist das nicht toll, daß es Menschen gibt, die ihren unmittelbaren Regungen nicht nur offensichtlich völlig ausgeliefert sind, sondern diese sogar fast noch zelebrieren? Wie kann man sich nur derartig die Laune verderben lassen, nur weil man im Großraumabteil einen Sitznachbarn kriegt? Und, hey – es hätte sie wahrhaftig schlimmer treffen können. Mir haben im Nachtzug nach Hause schon angetrunkene Berufsschüler vor die Füße gekotzt.
Am Bahnhof sah ich dann noch einen IC, an dessen Speisewagen außen jemand mit Filzstift „WIE DER ZUG, SO DASS ESSEN“ gemalt hatte. Nett, oder? Sogar die Fehler unterwerfen sich der Reform.

Außerdem habe ich gestern einen Putzknall bekommen. Abwaschen war nicht mehr genug – ich habe auch sämtliches Geschirr getrocknet und ordentlich weggeräumt, den Herd mit Cerafix geschrubbt, die Oberseite der Waschmaschine, den Tisch, das Regal auf dem Tisch sowie Fenster, Fensterbrett und den Wasserkocher mit Essigreiniger geputzt, sämtliche alten Gläser und Flaschen entsorgt, die Pflanzen umgetopft, ein neues Konservenverstauungssystem erfunden, Konserven verstaut und alle selten benutzten Dinge (leere Blumentöpfe, Getreidemühle, Teelichte, Büroklammern, Backbuch) rausgeworfen. Ich wollte noch wischen, aber da lag der Hund, also habe ich statt dessen gekrault. Morgen kommt das Bad dran. Ich muß dringend Ordnung in mein Leben bringen, denn ich bin schon fast so weit, jede Selbstwertschätzung zu verlieren, und da habe mit den einfachsten Sachen angefangen, in der Hoffnung, daß sich der Rest von selbst ergibt.

Außerdem habe ich gestern im Zug, statt zu lesen, Skizzen gemacht für unser diesjähriges Weihnachtsgeschenk an die Familie. Es wird ein Geburtstagskalender mit so holzschnittartigen Bildern, die ich nicht male, sondern quasi graviere. Mit Kuli auf Tetrapack. 😀 Diese Vorlage wird dann spiegelverkehrt in einem speziellen Druckverfahren aufs Papier gebracht. Das Kalendarium mache ich mit Tinte und Feder, und das Ganze 20 Mal, denn es ist ja eine große Familie und 2 oder 3 Freunde sind auch noch mit dabei. Ich werde mal versuchen, so eine Tetrapackvorlage zu scannen, kann mir aber vorstellen, daß das nicht gut erkennbar wird.

Und nachdem ich den Brief an Schwester A nun seit fast 2 Wochen vor mir herschiebe – geschrieben ist er schon, nur das mit dem Abschicken war noch schwierig -, habe ich ihn gestern meinem Vater gemailt und heute meinem Freund. An beider Meinung liegt mir viel. Ich werde den Brief schicken, das ist nicht mehr die Frage, sondern nur noch, ob ich einzelne Formulierungen ändern sollte. Mein Vater hat vorhin schon am Telefon gesagt, besser könne man es seiner Meinung nach nicht ausdrücken, da ich nicht mit dem erhobenen Zeigefinger und einer langen Anklageschrift komme, sondern es möglichst positiv halte. Mir liegt ja auch nichts daran, sie fertig zu machen – ich will einfach, daß dieses Verhalten ein Ende findet und sich wieder ein Vertrauensverhältnis aufbaut. Sie ist schließlich meine Schwester.
Meine andere Schwester hatte am Wochenende einen kleinen gesundheitlichen Kollaps; meine Eltern und ich haben sie besucht und bei der Gelegenheit hat sie mir nicht nur das bestellte Geburtstagsgeschenk für meine Freundin mitgegeben (kann mich da leider nicht näher äußern, da sie hier mitliest 🙂 ), sondern mir auch noch eine kleine Skulptur geschenkt. Sie nennt sie „offen sein“. Ich werde sie erst auspacken, wenn ich den richtigen Platz in der Wohnung für sie gefunden habe, bis dahin bleibt sie sicher in Zeitungspapier gewickelt und in einer Tüte liegend. 😀

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