Von Schnepfen und Schornsteinfegern

Gestern. Zwei Schnepfen im Zug. Beide deutlich jenseits der 60, sehr gepflegt, blondierter und künstlich in eleganten Wellengang versetzter Kurzhaarschnitt. Ich zwei Sitzreihen dahinter, kann mich ihrem Gespräch nicht entziehen – zunächst nur aus Dezibelgründen, bald jedoch auch aus wachsender Ungläubigkeit. Es geht um „Die Ausländer“. Diese beiden Damen sind ernstlich der Ansicht, Handwerker, die ihren Beruf im Ausland gelernt haben, hätten nicht die nötigen Voraussetzungen, hier zu arbeiten. Man nehme nur die Schornsteinfeger. Früher, da gab es noch richtige Schornsteinfeger, die sind noch richtig auf’s Dach gestiegen und haben dann da ihren Besen da reingesteckt (ich grinse kurz). Damals gab es auch noch Bezirksschornsteinfeger! Und Kreisschornsteinfeger. Und heutzutage? Pah! Die lesen bloß noch irgendeinen Zähler ab, heute steigt da keiner mehr auf’s Dach, die machen, was sie wollen und das muß dann bloß noch der… der… Obermeister, der muß das dann bloß noch absegnen. Da kommen dann irgendwelche völlig unzureichend ausgebildeten Leute aus Spanien (‚Scha-phanien!“) oder sonstwoher und wollen etwa in unserem Land Arbeit. Und das, wo sie doch gar nicht die Voraussetzungen haben!!! (Empörtes Schnaufen)
An dieser Stelle muß eine der Schnepfen Damen mal ganz elegant kacken zur Toilette. Als sie zurückkommt, wendet sich das Gespräch mit gleicher Intensität ihrer Mütze zu. Diese sei doch am Hinterkopf etwas zu lang (Aufsetzen und Vorführen der Kopfbedeckung), und im Übrigen suche die Dame ohnehin eher nach einem schwarz-weißen Komplettset. Schwarz-weiß ist auch genau, was zu ihrer Mentalität paßt, denke ich, so wunderbar klar und einfach wie, zum Beispiel, richtig und falsch, Arier und Gesindel, ich und alle anderen.
Während sich der Schnepfentalk der fachgerechten Zubereitung einer Pute widmet, beginne ich zu begreifen, wes Geistes Kind die Menschen offensichtlich sind, die unsere absurde und in meinen Augen sogar gefährliche Regierungskoalition gewählt haben. In mir entspinnt sich eine Argumentation nach der anderen (Wer putzt wohl die Schornsteine der Luxushotels im spanischen Mallorca, in denen sich tausende Deutsche jedes Jahr wieder als anstands-, würde- und sittenlose Dreckschweine generieren? In welchem Land sitzen wohl die fleißigen kleinen minderjährigen Bienchen, die schwarz-weiße Komplettsets herstellen? Wohin führen wohl die lukrativsten Geschäftsbeziehungen der offensichtlich gut betuchten Schnepfen-Gatten? …) und ich bin stark versucht, aufzustehen und ihnen gegenüber meiner Dankbarkeit dafür, daß sie einer aussterbenden Generation angehören, verbal Ausdruck zu verleihen, doch da kommt, dem inneren Sozialfeigling zuliebe, meine Station.
Puten. Schwarz-weiße Komplettset-Puten.
Ich glaube, dauerhaft auf das Zugfahren verzichten kann ich so nicht. Diese menschlichen Abgründe sind einfach zu faszinierend, irritierend und unmittelbar.

Nun ja, meine Laune stieg schlagartig an, als ich gestern auf der Arbeit ankam – Kollegin Immerperfekt hatte ausnehmend gute Laune und Kollege Ichrednurmitmeinerkippe war wieder mal krank, der einspringende Kollege ist super nett und als Gesellschaft hatten wir noch eine Azubi, die, wenn sie nicht gerade den Körperumfang anderer Frauen bekrittelt (was mir als Halbklops wirklich den Nerv raubt), ein netter und lustiger Gesprächspartner ist. Der Abend hat sich also noch sehr nett entwickelt.

Hier ist die neueste wundervolle Zusammenfassung des Musikantenstadls, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.

Und das Filzdeckchen, daß ich im Strickfilzverfahren für meine Schwester B gemacht habe (hat sie sich gewünscht), wollte aus irgendeinem Grund nicht Filzen. Ich habe extra Filzwolle gekauft und mich dazu durchgerungen, sie nicht mit der Wollwäsche kalt, sondern bei 30° in die Maschine zu geben, und das Deckchen kam raus und drehte mir eine Nase. Da ich mir sowas nicht gefallen lasse, habe ich es gleich danach mit den Handtüchern in den 60°-Intensivwaschgang gepackt. Jetzt ist es verfilzt und leicht geschrumpft, aber immer noch etwas knubbelig. Ist das normal? Ich meine, es sind kleine Knubbel, wo vorher die Strickmaschen waren. Da ich vor dem Wochenende nicht mehr wasche, es aber meiner Schwester am Samstag geben will, werde ich es nochmal in warmes Seifenwasser legen und von Hand nachfilzen.

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2 Kommentare to “Von Schnepfen und Schornsteinfegern”

  1. Ich fürchte nur, dass diese Schnepfen längst geistigen Nachwuchs auch in der jüngeren Generation haben.

  2. Ja, das fürchte ich auch… :/

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