/ Postboten und Nazijugend

– noch so ein Haßobjekt für den Hund. Er erkennt Postboten, egal ob sie in gelber, blauer oder roter Uniform kommen, ob mit Fahrrad, zu Fuß oder im Lieferwagen, und er bellt sich die Seele aus dem Leib. Fahren wir im Auto durch die Stadt und irgendwo steht ein Mensch hinter einem roten Fahrrad mit Packtaschen – bell, bell. Klingelt es an der Tür – bellbellbellebell… Bis wir eines Tages mal unserer Postfrau vor der Haustür begneten und sie, eine unglaublich nette und burschikose Frau von etwa 50-55 Jahren, mit lauter Stimme sagte: „Na denn komma her, ick hab da wat für dich“. Und einen Hundekeks aus der Hosentasche zog. Sofort wurde mein Hund brav und machte Sitz. Der bestechliche, gierige kleine „!$&§$/.
Er bellt alle anderen Postleute nach wie vor lautstark an, diese nur noch halbstark und bekommt auch gelegentlich noch einen Keks von ihr. Witzigerweise gehe ich oft mit ihm auf die Hauptpost und er ist dort total artig. Er mag die Postfrauen, hat in meinem früheren Wohnort sogar mal einen Schokonikolaus bekommen, als wir die Weihnachtspost aufgegeben haben, und hier durfte er mal ins Paketlager schnüffeln, und alle mögen ihn und er mag alle. ?!? Wir haben schon die Vermutung angestellt, als er noch ein Welpe war, hätte eine Postfrau auf einem Fahrrad den Hund mit einer Katze durchgeprügelt. (Er bellt nämlich auch Fahrräder, Rollstühle und Rollkoffer an.)

Gestern Nacht kam ich wieder im Regional“express“ von der Arbeit und setzte mich wie immer möglichst abseits, denn ich hatte ein spannendes Buch und wollte ungestört lesen. Ich wählte ein 8-Platz-Zwischenabteil, immer 4 Sitze einander gegenüber. Auf halber Strecke stiegen 6 Wannabe-Neonazis ein, die einen schier unglaublichen Alkoholgeruch verbreiteten und sich mit in mein Abteil kuschelten. Ich las erstmal weiter, denn ich habe bisher immer die Erfahrung gemacht, daß das Pöbeln erst anfängt, wenn man betreten hochguckt oder deutlich signalisiert, daß man sich in der neuen Gesellschaft nicht wohlfühlt. 2 Minuten ging mein Konzept auf, dann grölte der Typ mir gegenüber, ich Alte hätte wohl keinen Spaß am Lesen („Die dunkle Seite“ von Schätzing, war grad ne düstere Stelle, und in meinem Gesicht spiegeln sich die Bücher, die ich lese, wie in Fensterglas). Er wiederholte seine Bemerkung mehrmals und fuchtelte mit dem Finger in meine Richtung, wohl unzufrieden, daß ich noch immer nicht reagierte. Da es in solchen Fällen nicht das Geringste bringt, aufzustehen und wegzugehen (die kommen halt einfach hinterhergelatscht und finden das noch witzig), bracht ich wieder meinen alten Spiegeltrick zum Einsatz: Kurz die Augen schließen und sich vorstellen, man wäre von einem großen Spiegel umgeben oder ein Spiegel stünde zwischen den Unsympathen und mir selbst, die spiegelnde Seite immer zu den anderen, dann werden ihre Gedanken und Taten reflektiert. Gestern stellte ich mir ein riesiges Energie-Ei rund um meinen gesamten Körper vor, dessen Außenflächen spiegeln. Außerdem, da ich mich wirklich höchst unwohl fühlte, schickte ich ein paar Stoßgebete los und erklärte, jetzt wäre mal ein guter Zeitpunkt für Schutzengeleinsatz. Keine 30 Sekunden später grölte ein Typ links von mir, der Typ gegenüber solle doch „die Dame“ mal in Ruhe lesen lassen. Die anderen schlossen sich dieser Meinung an und sagten ihm, er solle mich in Ruhe lassen, und dann lotsten sie ihn unter weiteren Kommentaren dieser Art zur Zugtür, wo sie stehenblieben, bis sie aussteigen mußten. Grandios. Ich liebe den Spiegel. Mir ist auch total egal, warum es funktioniert – vielleicht entspanne ich mich nur so, daß meine Körpersprache viel selbstbewußter wird – aber es funktioniert.

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