Pflänzchen

Heute Nacht habe ich wieder von Felix geträumt. Ich träumte, es wäre Morgen, ich wäre aufgewacht und der Blick aus dem Fenster zeigt mir 10 Centimeter Neuschnee. Na toll, dachte ich, mitten im Frühling. Da muß mein Freund wieder vorsichtig fahren. Dannn stellte ich fest, daß Felix wieder da war. Er wollte wie immer Winken gehen, als mein Freund zur Arbeit ging, und ich sah, daß der Hundestuhl nicht mehr an seinem Platz am Fenster stand sondern statt dessen ein Klappstuhl mit einem Kissen drauf, auf den Felix unmöglich springen konnte – zu wacklig. Ich schob also so schnell wie möglich den Holzstuhl, auf dem Felix früher immer gesessen hatte, wieder dorthin, denn der Hund sah mich schon vorwurfsvoll an.
Weiter ist nichts passiert, aber ich war ziemlich down heute früh und hatte keine Lust, wieder einzuschlafen.

Dann rief um halb acht eine Freundin an, mit der ich mich gelegentlich zum Frühstücken verabrede und fragte, ob ich schon wach sei und Lust auf eine spontanes Frühstück hätte. Ich fuhr also zu ihr und wußte schon, was kommen würde; sie hat leider große private Probleme und ich bin ihre breite Schulter zum Ausweinen. Ich bin das auch wirklich gerne, denn sie ist wirklich ein Mensch, der sich seine Probleme nicht leicht macht, sondern versucht, immer an alle zu denken und alles richtig zu machen – womit sie natürlich für sich selbst oft alles noch schwieriger macht. Während unseres Frühstücks und unseres Gespräches hatte ich plötzlich ganz intensiv das Gefühl vollkommener Zufriedenheit. Erst dachte ich: So müßte es immer sein; jemand braucht Rat und ich habe tatsächlich einen. Dann habe ich mich für den Gedanken und das schöne Gefühl geschämt, weil ich mich schließlich nicht wegen der Probleme anderer Leute besser fühlen will. Und dann dachte ich, eigentlich geht es mir nicht besser, wenn ich erfahre, daß sie wieder ein Problem mehr hat, sondern wenn ich ihr aus einem heraushelfen kann, wie heute geschehen. Diese beratende Position macht mich irgendwie glücklich. Ich habe immer gerne anderen zugehört und war schon in der Schule die Ansprechpartnerin für Leute mit Problemen, die unwillkürlich damit zu mir kamen, obwohl wir sonst nie ein Wort gewechselt haben. Und heute dachte ich zum ersten Mal: Tja, Beruf verfehlt. Oder ist das nur meine Feigheit, mich in der Musikszene durchzusetzen? Ich bin jeden Dienstag nach der Probe total aufgekratzt und glücklich, und es stört mich dabei nicht im Geringsten, daß mein Chor ein kompletter Amateurhaufen ist. Sollte es mich stören? Sollte ich mich nach einem Rundfunkchor sehnen? Das tue ich nicht. Ich meine, ich würde gerne einen besseren Chor leiten, aber den Besten? Nein, das reizt mich überhaupt nicht – hat es noch nie. Meine Mutter wollte immer, daß ich mal berühmt werde, weil sie Berühmtheit und Zufriedenheit bzw. beruflichen Erfolg als Musiker gleichgesetzt hat. Aber für mich war es immer viel verlockender, Menschen musikalisch über sich hinauswachsen zu lassen, die das nie für möglich gehalten hätten. Kontinuierlich jahrelang an derselben Stelle arbeiten, um zu sehen, wie das Pflänzchen wächst. Es darf gerne langsam wachsen, das würde mir gar nichts ausmachen.
Und was mache ich nun? Reicht es mir, Musik studiert zu haben, um sie weiterhin als Hobby nebenbei mit einigen ambitionierten Laien zu betreiben, während ich mich gleichzeitig nach einer Möglichkeit umsehe, einen anderen Beruf zu ergreifen? Mediation zum Beispiel (was ich ehrlich gesagt schon längst gerne gemacht hätte, wenn es nicht so sauteuer wäre, schließlich habe ich Zeit genug für dieses Studium). Verrate ich damit nicht ALLES, wofür ich als Teenager gelebt habe, alles wofür meine Eltern sich kasteit und eingeschränkt haben sieben Jahre lang, um mir mein exotisches Studium im Ausland zu finanzieren? Verrate ich nicht meine Talente? Oder verrate ich andere Talente, wenn ich der Musik den Ausschließlichkeitsstatus gebe?
Was soll ich nur tun?

Vor ein paar Monaten haben wir während eines Spaziergangs ein heruntergefallenes kleines Vogelnest gefundenn. Das habe ich oben auf einen unbepflanzten Blumentopf gelegt und den Winter über stand der Topf mit dem Nest drauf vor dem Wohnzimmerfenster. Jetzt habe ich beschlossen, das ganze Konstrukt zu entsorgen – irgendwann ist es ja nicht nur nicht mehr hübsch, sondern auch unhygienisch – und dabei festgestellt, daß sich da etwas angesammelt hatte:

Das habe ich dann gerettet, in einen neuen Topf mit frischer Erde gesetzt, leicht begossen und wieder in die Sonne hinausgestellt:

Was das wohl werden wird?

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