alte Stelle, neue Wohnung

Also: Es kam, wie es kommen mußte. Ich habe niemanden mehr telefonisch erreicht und bin daraufhin vorgestern zu meinem Vorstellungsgespräch gefahren. Dort habe ich erstmal die Sekretärin gefragt, ob dies wirklich der einzige Termin sei, was sie leider bejahte, und auf meinen Kommentar hin, daß in diesem Fall von meiner Seite mit einem desaströsen Ergebnis zu rechnen sei, erntete ich ein nettes, belangloses Lächeln. Nun, ich habe die Stelle nicht bekommen. Stattdessen habe ich einen schönen und lustigen Nachmittag mit einem der Mitbewerber verbracht, der ein alter Studienkollege von mir ist, den ich nach vier Jahren bei dieser Gelegenheit wieder getroffen habe. (Er hat die Stelle auch nicht gekriegt.) Er ist ein begnadeter Musiker, Italiener, raucht wie ein Schlot und hat seine letzte Stelle wegen seiner bipolaren Störung verloren. Das Leben kann echt hart sein.
Ich habe mich mit ihm ein bißchen über das Musikerdasein in Italien unterhalten, weil ich mich wunderte, warum er nicht dort arbeitet, denn er vermißt das Land offensichtlich. Er erklärte mir, daß es Klassiker dort extrem schwer hätten, weil es kaum noch Arbeitsmöglichkeiten gäbe, da dort im Gegensatz zu den deutschsprachigen Ländern weder eine Hausmusiktradition existiere noch ein Musikschulnetz, so daß Musizieren für die Kinder total unüblich ist. „Musik heißt in Italien: MTV!“ Das will man kaum glauben von dem Land, das Puccini, Vivaldi und noch so viele andere -is hervorgebracht hat.

Heute habe ich dann erstmal ausgeschlafen (kam erst halb eins von der Arbeit) und am Vormittag die Kaution für die neue Wohnung auf einem Sparbuch deponiert und dann ein bißchen zu Hause herumgewerkelt: Wäsche, Altglas, Umzugskisten. Als ich mir in der neuen Wohnung mit dem neuen Wasserkocher einen frischen Kaffee machte und mich damit an mein neues Arbeitszimmerfenster stellte, um die ganze Neuheit um mich herum ausgiebig zu genießen, kam eine Elster im Sturzflug über den Zaun gesegelt und landete direkt vor meinem Fenster im Vorgarten. Von dort aus ging sie langsam ruckelnd einmal unsere gesamte Fensterfront zu Fuß ab und plockte hier und da ein paar Leckerbissen aus dem Rasen. Das steigert doch mein Wohlwohngefühl gleich um mehrere 100 Prozent.

Morgen Abend fahren wir für 2 Tage zu den Schwiegereltern. Zu den geschiedenen Schwiegereltern. Und zum ersten Mal übernachten wir beim Papa, und schon beim Gedanken daran verkrampfe ich mich irgendwie total. Ich sehe meinen armen Kerl schon wieder das ganze Wochenende die Computer der gesamten, nicht miteinander redenden Familie reparieren und mich lieb lächelnd dasitzen und nichtssagende Konversation mit Leuten betreiben, die sich nicht einmal soviel für ihn oder mich interessieren, daß sie zu unserer Hochzeit kommen würden. Aber diesmal, das habe ich mir fest vorgenommen, werde ich ein Machtwort sprechen, wenn es mir zu bunt wird. *sich angeberisch auf die Brust schlag* Bei aller Nettigkeit und Verwandtschaft, aber ich habe inzwischen oft genug erlebt, wie seine liebe Familie meinen Freund seine gesamten freien Tage über in jeder Minute ausnutzt, um ihre Probleme in den Griff zu bekommen, und das ohne Rücksicht auf Verluste und sogar, wenn er sagt, er kann nicht mehr und braucht eine Pause. Grrrr. Aber diesmal, so habe ich es mir fest vorgenommen, machen wir mindestens einen Strandspaziergang und essen irgendwo einen riesigen, kleckernden Döner. Und was immer sonst noch zum Urlaub gehört.

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