Archive for Juni, 2010

22. Juni 2010

Wieder da, Bloggeburtstag und Massengrübeln

Ich bin wieder da, nach fast einer Woche nix schreiben. Und ich hatte leider überhaupt keine Zeit, mir zum ersten Geburtstag meines kleinen Blogs etwas Besonderes für Euch auszudenken. Mal sehen, vielleicht hole ich es noch nach, aber eigentlich ist das dann ja nicht das gleiche.

Heute – gerade eben – habe ich die letzte Kiste in der neuen Wohnung ausgepackt. Nicht, daß das schon alles wäre – weitere Kisten folgen. Aber natürlich nur, wenn uns wieder leere zur Verfügung stehen, was jetzt der Fall ist. Heute mache ich aber nicht mehr viel, denn ich muß arbeiten.
Und auf der Arbeit werden die Kollegen mit Sicherheit wieder Fußball schauen, während die Vorstellung läuft. Das können sie ruhig tun, denn wir sind akustisch vollkommen abgeschottet und der Job des Aufpassens liegt bei mir. Und wenn ich dann nach 23 Uhr den 90minütigen Heimweg antrete, wird es erst richtig lustig.
Die Erfahrungen der Tage seit WM-Beginn zeigen mir, daß alle Menschen, ob zu anderen Zeiten notorische Fußballgucker oder nicht, in dieser Zeit mit Tröten und Fähnchen bewaffnet – und in der Gruppe stark – in ihrem Verhalten ebenso unberechenbar wie unerträglich werden. Aus der S-Bahn aussteigen zu wollen, vor der eine laut trötende Gruppe sich zusammenpulkt, weil alle gleichzeitig als erste einsteigen wollen, trägt einem schon Schläge und Knüffe ein. Leute, die sonst ein kleines, unauffälliges 9-to-5-Leben führen und sich in jeder Hinsicht austauschbar geben, pflastern plötzlich Autos, Fenster und Gartentore mit Deutschlandfahnen zu. Nun gut, auch damit machen sie sich wieder austauschbar, aber ich muß dennoch gestehen, das finde ich etwas beängstigend.
Nicht die Fahnen. Ich finde es traurig, daß kein Deutscher mehr sagen kann, er würde seine Heimat lieben, ohne sofort als möglicher Nazi abgestempelt zu werden. Nun, ich liebe meine Heimat. Allerdings meine ich damit nicht wirklich Deutschland, sondern ganz konkret die Region in der ich aufgewachsen bin und nun wieder lebe. Ich liebe diese Wälder, die sanften Hügel, die vielen Seen, die kleinen Dörfer, den Dialekt, das Wetter und das Licht. Aber ich würde mir deshalb nie eine Deutschlandfahne ins Fenster hängen, denn die ist ein politisches Symbol und das ist eine ganz andere Diskussion. Auch ich gönne dem deutschen Team den Sieg, wenn sie gut spielen, aber nicht nur, weil sie zufällig in demselben Land geboren wurden wie ich. Und auch das finde ich keinen Anlaß, eine Flagge zu schwenken und auf den Sommerfesten christlicher Einrichtungen schwarz-rot-goldenen Kuchen zu reichen, wie am vergangenen Wochenende gesehen. Da denke ich doch: wtf?!? Und das von Menschen, die sonst nie etwas mit Fußball am Hut haben? Warum drehen die frei? Ist es wirklich so toll, mit einer gigantischen Masse Fahnenschwenker mitzuschwimmen? Ist dies unser einziges Ventil für Heimatgefühle? Unsere einzige Möglichkeit, unser Selbstbewußtsein als Bürger unseres Landes auszuleben, das uns von Kindheit an konsequent mit schlechtem Gewissen vergrätzt wurde? Ist es nötig, diesen Hype mitzumachen, um sich als Deutscher wohl zu fühlen? Oder ist es – was ich befürchte – eine vollkommen unbewußte Welle? Kaufen alle den Fußballfankram, weil alle anderen auch den Fußballfankram kaufen? Denkt denn hier niemand wirklich eigenständig? Mich erschreckt hier nicht die geschwungene Flagge, sondern dieses Herdentierverhalten. Mich erschreckt, wie leicht diese Welle so hoch schlägt und für wie normal das von allen gehalten und belächelt wird. Wenn eine WM es schafft, jeden sinnvollen Gedanken zugunsten grölender Aufmärsche zu verdrängen, was schafft es dann noch und für wen oder was würden diese Massen noch das Fähnchen schwenken?

Advertisements
15. Juni 2010

Nachbarfenster

Ich ziehe noch um und habe nicht viel Zeit für’s Netz, daher guckt mal in die Fenster der Nachbarvilla: Stefan Niggemeier, dessen Blog sowieso immer sehr interessant ist, hatte vorgestern dieses unglaublich niedliche Video in seiner Flauschkolumne. Hach.

9. Juni 2010

Umzug

Schweißgebadete Grüße!
Eine der Nebenwirkungen des Umzugs ist, daß man uns derzeit ständig in Baumärkten findet. Mal fehlen Winkel, mal Malerrollen oder Wandfarbe, ein Haufen Kleinigkeiten. Dabei haben wir entdeckt, wo die braune Farbe herkommt (ohne der Firma irgendwas unterstellen zu wollen, aber in dem Eimer war tatsächlich braun drin):

Nochmal näher?

Dann habe ich heute Vormittag die alte Wohnung den ersten Interessenten gezeigt, ein älteres Ehepaar. Ich fürchte ja, die Wohnung ist nichts für sie, denn der Mann hatte schon Schwierigkeiten, die 2 Stufen ins Bad hoch- und wieder runterzuklettern, geschweige denn, daß er jeden Tag in die Wanne käme um zu duschen. Außerdem steht einem 30 qm Wohnzimmer eine Küche mit etwa 8 qm Nutzfläche gegenüber (in der sich auch noch der Waschmaschinenanschluß befindet); das ist wohl eher was für Studenten oder überzeugte Yumyum-Esser.
Danach habe ich einen Tisch, ein Regal, Wäsche, eine Kiste Schuhe und den Staubsauger ins Auto gerackt und mich in der neuen Wohnung ans Werk gemacht und dabei vergessen, mir von dort ein gutes Buch für die heutige Zugfahrt zu Arbeit und zurück mitzunehmen. Also fahre ich wohl gleich noch einmal hin, auf dem Weg zum Bahnhof, der in der entgegengesetzten Richtung liegt. Yeah.

7. Juni 2010

Zwischenbericht

Es gibt Zwischenstandsmeldungen aus verschiedenen Bereichen, und es ist gut, daß wir uns schriftlich verständigen, denn sonst müßte ich SCHREIEN, DAMIT MAN MICH HÖRT, DENN VOR MEINEM OFFENEN SCHLAFZIMMERFENSTER RAST DER MÄHER DURCH DEN HINTERHOF.
Vorher aber: In den Suchbegriffen, die zu meinem Blog führten, stand „woher kommt das Wort Maisonette“, daher hier mal die simple Antwort: von Maison, französisch für Haus. Die Endung -ette ist eine Verkleinerung, also Häuschen. Der Begriff wird für mehrstöckige Wohnungen innerhalb von Mehrfamilienhäusern benutzt, sozusagen für ein Haus in einem Haus; ob es in Frankreich auch einfach kleines Häuschen bedeutet, weiß ich nicht.

Nun zu mir und den kleinen Erfolgen: Ich habe endlich, endlich den Stoff für’s Brautkleid gefunden. Nachdem ich bereits durchsichtige weiße Baumwolle und gummiartige grüne Elastikstoffe vorgesetzt bekam, macht ich mich am Freitag nochmal auf zu einer Shoppingtour in Berlin. Ich kenne Berlin nicht besonders gut, hatte mir aber einige Läden im Internet herausgesucht und die dazugehörigen S- und U-Bahn-Haltestellen und lief los. Sollte ich nichts finden, bis die schlechte Laune einsetzt, so nahm ich mir vor, würde ich eben nur weißen Stoff kaufen und die ursprünglich grün geplanten Ärmel einfach besticken.
Der erste Laden war ein reines Wollgeschäft, das nicht einmal Stickgarne führte, aber ein gutes Sortiment schöner Wolle, auch handgewobener und Filzwolle, so daß ich möglichst rasch die Flucht ergriff, um mich nicht arm zu machen. Die Besitzerin erzählte mir von einem Stoffgeschäft um die Ecke, doch als ich dort ankam, begannen die dort gerade die erste Minute ihrer zweistündigen Mittagspause und ließen mich von der verschlossenen Tür her zugucken. Na gut.
Zurück in der U-Bahn stieg ich in einen Waggon, in dem ein Mann von Mitte dreißig im Anzug und mit zornrotem Gesicht herumtigerte, gegen Sitze und Haltestangen trat und wüste Beschimpfungen vor sich hinzischte. Ich ließ mich vom Einsteigeschwung gleich so weit wie möglich ans andere Ende des Abteils tragen und hörte unterwegs 4 coole Jungs in leisem türkisch-deutsch diskutieren, ob sie das nicht auch tun sollten, bevor der Kerl Amok läuft.
Dann lief ich zu einer Adresse in einem alten Fabrikgebäude. Hinter der Hausnummer verbarg sich ein ganzer Häuserblock, in dem Wirtschaftsprüfer, ein Kinderheim und ein deutsches Restaurant mit ausschließlich arabischen Kellnern verbargen. Die Kellner waren sehr nett und hilfsbereit und hatten keine Ahnung von einem Stoffgeschäft, meinten aber, ich solle doch mal im Klamottenladen da vorne fragen. Dort half man mir 4 Häuser weiter in das gesuchte Stoffgeschäft – ja, es war tatsächlich eins. Nur leider führten sie nur Wohnstoffe, keine Kleiderstoffe. Der Inhaber empfahl mir zum Trost ein anderes Geschäft, und zwar ausgerechnet das, wo man mir vor einem Monat das gummiartige grüne Zeug angeboten hatte. Danke. Ich lief in den nächsten Laden und kaufte mir 0,75 Liter Flüssigkeit, die ich bis zur nächsten U-Bahn-Station heruntergekippt hatte. Langsam wurde ich etwas pflastermüde.
Das nächste Geschäft war wieder ein reines Wollgeschäft, wieder mit einem sehr schönen Sortiment und einer ungeheuer bemühten Inhaberin, die mir gleich zwei weitere Adressen empfahl, nämlich einen Markt („da können Sie Glück haben, aber manchmal findet man auch gar nichts“), und ein Wollgeschäft, das nur 4 Straßenbahnstationen entfernt war („die führen aber eigentlich kaum ja einfarbige Stoffe, sondern immer so bunt bedruckte Sachen, mehr für Kinder“). Es klingt nicht so, aber zu diesem Zeitpunkt war ich schon über 3 Stunden unterwegs, und Shopping gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, die schlechte Laune begann also schon einzusetzen.
Ich entschied mich zunächst für das Geschäft, weil es den Namen meiner Lieblingsblumen trägt. Dort angekommen fand ich ein kunterbuntes Farbmeer, Stoffe, die von der Decke hingen, in den Fenstern lagen, auf Tischen ausgebreitet waren und dort lagen sie, nebeneinander – mein Grün und mein Weiß. Beides Naturstoffe. Eine passende Kordel hatten sie auch noch. Ich sage also aus vollem Herzen: Danke, Frau Tulpe! Sie führen übrigens auch Biostoffe und haben, soweit ich weiß, eine Filiale in Hamburg.

Das gesamte Wochenende war dann geprägt von unserem Umzug. Dies ist unsere letzte Woche, am nächsten Wochenende wollen wir komplett hier raus sein. Wir haben also gepackt und geschleppt und gepackt und geschleppt und eigentlich nichts von dem wunderbaren Sommerwetter genossen, das endlich hier ankam. Gestern Nachmittag suchte mein Vater uns spontan heim und packte mit an, und nun habe ich schon sämtliche Hängeschränke in der neuen Küche und kann heute dort schon einiges einräumen.

So – denn wolln wa ma. Habt eine schöne Woche!

2. Juni 2010

Juni

Der Fliegendreck im Bild soll ein Scheiterhaufen Sonnwendfeuer sein. Ich wollte eigentlich noch kleine Strichmänneln machen, die drumherum tanzen, aber hab’s mit der Kreide einfach nicht so hingekriegt. Also habe ich gemalt, wie sie alle met-trunken im hohen Gras verschwinden. Wie man deutlich sieht. 😀

Heute habe ich eine Girlgroup gegründet mit 2 Frauen, mit denen ich schon einige Male gemeinsam gesungen habe. Nach dem letzten gemeinsamen Konzert haben wir beschlossen, ab sofort nicht mehr nur zu singen, wenn irgendein Kirchenkonzertorganisator noch Lückenfüller braucht oder ein Gottesdienst eine musikalische Untermalung, sondern völlig ziellos, zwecklos, einfach nur, weil miteinander zu singen uns solchen Spaß macht – unregelmäßige Treffen, je nachdem, wie wir Zeit haben und dann einfach nur Singen, um zu singen. Es wird klassisch, und kaum hatten wir angefangen, Literatur zu sichten, fielen uns schon wieder drei Gelegenheiten ein, bei denen wir unbedingt auftreten wollen. 😉 Soviel zum Thema „nur für uns“.

Nach der Singerei habe ich der einen Singefreundin noch meine neue Wohnung gezeigt und ihr ist dabei das Täschli von Amala aufgefallen. Also habe ich ihr einen leckeren schwarzen Chai gemacht, während sie mich ausfragte, was hinter der Internetadresse steckt, die auf der Innenseite eingestickt ist. Diese Freundin ist evangelisch und nicht nur tief fromm, sondern auch recht streng mit sich selbst in vielen Belangen, die christliche Gebote betreffen. Daher wurde es ein höchst interessantes Gespräch zum Thema Religion, bei dem ich zum ersten Mal, seit wir uns kennen, Gelegenheit hatte, meine Sicht der Dinge mal etwas darzulegen. Das ist natürlich nicht ganz so einfach wie zu sagen „ich bin Muslimin“ oder „ich bin Sufi“, was zumindest am Rande in jedem Bewußtsein kein kleines „alles klar“ auslösen würde. Was Naturreligionen betrifft, gibt es einfach zu wenige (vernünftige) allgemein verbreitete Informationen, auf die man zurückgreifen kann, und auch kaum inhaltliche Grundsätze, die auf alle naturreligiös interessierte Menschen zutreffen. Und vielen esoterischen Dingen, die ich so lese und höre, will ich mich auch auf keinen Fall anschließen. Ich habe schließlich zusammenfassend erklärt, daß eigentlich alle, ob sie nun ein Pantheon anbeten oder Mutter Erde, ob sie einer sogenannten Tradition angehören oder ihr eigenes Ding machen, zwei Grundsätze für wichtig erachten: Achtung vor und respektvoller Umgang mit der Natur, und der Glaube an einen schöpferischen Geist. Ab diesem Punkt war meine Freundin leicht überfordert und meinte, das sei für sie zu wenig fassbar und zu schwammig. Für sie müsse eben ein roter Faden da sein, der einen durch das Leben leitet, wie es die Bibel tut. Und ich meinte darauf, die Bibel hätte ich noch nie (ich habe mich mit 14 taufen und konfirmieren lassen, mein erster Schritt in Religionen überhaupt) wirklich respektieren können, weil sie mir so zusammengestückelt vorkommt und mit Sicherheit nicht alles umfaßt, was Jesus gesagt, gelehrt, erlebt hat und was tatsächlich ein Leitfaden wäre. Zudem wird sie interpretiert von geistlichen Vertrauenspersonen, die einer Institution angehören, die meiner Meinung nach die Grundsätze der eigenen Religion untergräbt. Dies alles würde mich viel eher (ver)zweifeln lassen als das Fehlen eines ohnehin nicht sehr haltbaren Leitfadens – statt dessen habe ich meine eigenen Erfahrungen und verlasse mich auf meinen Verstand und mein Gefühl.

Auch kann ich mit Schuld und Buße wenig anfangen, einer Sache, die für meine Freundin sehr wichtig ist, und die sie zu einem Menschen macht, der alles eigene Tun unendlich oft in Frage stellt dahingehend, ob es auch „richtig“ im direkten und übergeordneten Sinne sei. Ich glaube auch, daß alle Menschen fehlerhaft sind, aber ich glaube, die eigentlichen Fehler liegen ganz woanders, als wir sie vermuten. Welcher Mensch könnte es denn wagen, über die grundlegenden Charakterzüge eines anderen Menschen zu urteilen? Vielleicht lösen meine Fehler einen total notwendigen Lern- oder Heilungsprozess bei jemandem in meiner Umgebung aus und sind letztlich das Beste, was ihm/ihr passieren konnte. Nun ja, ich könnte noch ewig weiterschreiben – es war wirklich ein interessantes Gespräch -, aber es wird spät… Im Endeffekt glaube ich, jeder Mensch sucht sich eine Religion oder Weltsicht, die für ihn entweder die verstandesgemäß plausibelste ist oder die tröstlichste. Für mich ist es sogar beides. Ich halte Reinkarnation für die plausibelste Erklärung vieler Dinge, und ebenfalls für einen tröstlichen Gedanken – irgendwann werde ich mich daran erinnern, was ich mit diesem Leben bezweckt habe. Für die meisten Christen, die ich kenne, ist gerade das eine, einzige Leben die tröstlichste Sache. Man muß nur einmal alles durchmachen und geht dann für immer ein in Gott. Es ist letztlich egal, was man glaubt – Hauptsache, es vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit, Richtigkeit, Angenommensein, geistigem Nährboden und seelischem Zuhause.

Außerdem hatte ich das große Glück, für Amalas Schattenbuch-Projekt ausgelost worden zu sein und bin echt glücklich darüber. Ich finde das eine tolle Sache und freue mich schon wahnsinnig darauf.