Wieder da, Bloggeburtstag und Massengrübeln

Ich bin wieder da, nach fast einer Woche nix schreiben. Und ich hatte leider überhaupt keine Zeit, mir zum ersten Geburtstag meines kleinen Blogs etwas Besonderes für Euch auszudenken. Mal sehen, vielleicht hole ich es noch nach, aber eigentlich ist das dann ja nicht das gleiche.

Heute – gerade eben – habe ich die letzte Kiste in der neuen Wohnung ausgepackt. Nicht, daß das schon alles wäre – weitere Kisten folgen. Aber natürlich nur, wenn uns wieder leere zur Verfügung stehen, was jetzt der Fall ist. Heute mache ich aber nicht mehr viel, denn ich muß arbeiten.
Und auf der Arbeit werden die Kollegen mit Sicherheit wieder Fußball schauen, während die Vorstellung läuft. Das können sie ruhig tun, denn wir sind akustisch vollkommen abgeschottet und der Job des Aufpassens liegt bei mir. Und wenn ich dann nach 23 Uhr den 90minütigen Heimweg antrete, wird es erst richtig lustig.
Die Erfahrungen der Tage seit WM-Beginn zeigen mir, daß alle Menschen, ob zu anderen Zeiten notorische Fußballgucker oder nicht, in dieser Zeit mit Tröten und Fähnchen bewaffnet – und in der Gruppe stark – in ihrem Verhalten ebenso unberechenbar wie unerträglich werden. Aus der S-Bahn aussteigen zu wollen, vor der eine laut trötende Gruppe sich zusammenpulkt, weil alle gleichzeitig als erste einsteigen wollen, trägt einem schon Schläge und Knüffe ein. Leute, die sonst ein kleines, unauffälliges 9-to-5-Leben führen und sich in jeder Hinsicht austauschbar geben, pflastern plötzlich Autos, Fenster und Gartentore mit Deutschlandfahnen zu. Nun gut, auch damit machen sie sich wieder austauschbar, aber ich muß dennoch gestehen, das finde ich etwas beängstigend.
Nicht die Fahnen. Ich finde es traurig, daß kein Deutscher mehr sagen kann, er würde seine Heimat lieben, ohne sofort als möglicher Nazi abgestempelt zu werden. Nun, ich liebe meine Heimat. Allerdings meine ich damit nicht wirklich Deutschland, sondern ganz konkret die Region in der ich aufgewachsen bin und nun wieder lebe. Ich liebe diese Wälder, die sanften Hügel, die vielen Seen, die kleinen Dörfer, den Dialekt, das Wetter und das Licht. Aber ich würde mir deshalb nie eine Deutschlandfahne ins Fenster hängen, denn die ist ein politisches Symbol und das ist eine ganz andere Diskussion. Auch ich gönne dem deutschen Team den Sieg, wenn sie gut spielen, aber nicht nur, weil sie zufällig in demselben Land geboren wurden wie ich. Und auch das finde ich keinen Anlaß, eine Flagge zu schwenken und auf den Sommerfesten christlicher Einrichtungen schwarz-rot-goldenen Kuchen zu reichen, wie am vergangenen Wochenende gesehen. Da denke ich doch: wtf?!? Und das von Menschen, die sonst nie etwas mit Fußball am Hut haben? Warum drehen die frei? Ist es wirklich so toll, mit einer gigantischen Masse Fahnenschwenker mitzuschwimmen? Ist dies unser einziges Ventil für Heimatgefühle? Unsere einzige Möglichkeit, unser Selbstbewußtsein als Bürger unseres Landes auszuleben, das uns von Kindheit an konsequent mit schlechtem Gewissen vergrätzt wurde? Ist es nötig, diesen Hype mitzumachen, um sich als Deutscher wohl zu fühlen? Oder ist es – was ich befürchte – eine vollkommen unbewußte Welle? Kaufen alle den Fußballfankram, weil alle anderen auch den Fußballfankram kaufen? Denkt denn hier niemand wirklich eigenständig? Mich erschreckt hier nicht die geschwungene Flagge, sondern dieses Herdentierverhalten. Mich erschreckt, wie leicht diese Welle so hoch schlägt und für wie normal das von allen gehalten und belächelt wird. Wenn eine WM es schafft, jeden sinnvollen Gedanken zugunsten grölender Aufmärsche zu verdrängen, was schafft es dann noch und für wen oder was würden diese Massen noch das Fähnchen schwenken?

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8 Kommentare to “Wieder da, Bloggeburtstag und Massengrübeln”

  1. Erstmal: schön, dass du langsam ankommst und herzlichen Glückwunsch zum Bloggeburtstag! 🙂

    Ich muss sagen, ich hab auch Spaß an der WM. Zwar bin ich eigentlich auch kein großer Fußballfan, aber mit einem solchen verheiratet und so gehört Fußball „gezwungenermaßen“ auch ohne WM bei uns dazu.

    Die Spiele der Deutschen Mannschaft sind für mich auch schon irgendwie ein muss. Ich schau sie mir gerne an, fiebere mit. Die anderen Spiele interessieren mich nicht so wirklich. Ich guck ab und an mal mit rein, wenn mein Mann schaut, aber so wirklich brauche ich das nicht.
    Fan Artikel haben wir keine gekauft. Wir haben nur so kleine „Fahnenüberzüge“ an den Seitenspiegeln unseres Autos, die mein Mann von einem seiner Schüler geschenkt bekommen hat. Wobei ich mir schon vorstellen könnte auch nen kleinen Aufkleber zu kaufen, oder irgend ein kleines Accesoire wie ein Armband, Fanschminke oder ähnliches, sofern ich am Spieltag unterwegs wäre.

    Ich hab auch immernoch so ein bischen ein Problem mit dem Nationalstolz und sicher ist es auch nicht verkehrt die WM und den damit verbundenen Hype auch mal kritisch zu betrachten. Wenn aus den Partys und Public-Viewing Veranstaltungen nur noch sinnlose Saufgelage werden und es nur mal wieder eine neue Ausrede ist sich bis zur Besinnungslosigkeit volllaufen zu lassen und jegliches Benehmen zu vergessen, dann finde ich das auch scheiße. Aber wenn Leute zusammen kommen, egal ob sie nun eigentlich Fußballfans sind oder nicht, und sie spaß haben, Spaß am gemeinsamen Fußballschauen, Spaß am gemeinsamen Feiern, Spaß am Gemeinschaftsgefühl, dann finde ich das Prima. Und ich denke auch man sollte in das „Fahnenschwenken“ nicht allzu viel hinein interpretieren, auch wenn ich deine Befürchtungen durchaus verstehen kann.

  2. Normal interessiere ich mich auch nicht so sehr für Fussball, aber zur WM lasse ich mich darauf ein und gucke mit relativer Spannung fast täglich mindestens einen Match. Natürlich käme es mir in hundert Jahren nicht in den Sinn, nun mit Landesfarbiger Schminke zugekleistert, Fahnenschwänkend durch die Strasse zu ziehen.
    Es ist schwer zu sagen, ob dieser nationale Taumel zu solchen Turnieren ein Ventil ist, gerade *weil* eben Nationalstolz ansonsten pfui ist, oder ob es halt einfach zum Fussball dazugehört – schlisslich geht es ja um einen Wettstreit der Nationen. Ich halte diese Fusballpatriotismus für vergleichsweise harmlos, wenngleich natürlich nervig.
    Was die Heimatverbundenheit betrifft, so sehe ich das ganz ähnlich wie Du. Nationale Grenzen sind ohnehin künstliche Konstrukte, die ohnehin nicht selten rücksichtslos traditionelle Lebensräume von Völkern zerschnitten haben. Regionen und Kulturräume sind da etwas ganz anderes.

  3. Hallo, Ihr beiden!

    Wie gesagt – ich habe kein Problem mit fußballbegeisterten Leuten, sondern mit denen, die sich sonst nicht die Bohne dafür interessieren, aber den allgemeinen Hype als willkommene Gelegenheit benutzen, mal die Sau rauszulassen und nebenbei die Fahne schwenken zu dürfen. Das macht mir Angst, zumal von der typischen Gruppe „männlich, Anfang 20, sturzbesoffen“ in einem Raum ohne Ausweichmöglichkeit (S-Bahn). Uahh.

  4. Die von Dir genannnte Gruppe ist so oder so extrem widerwärtig, sogar nüchtern. Und ja, eingesperrt mit denen in der U-Bahn, zur WM-Zeit, da gibts lustigeres… :-/

  5. Ja, da kann ich euch nur zustimmen.

  6. Mal ganz überspitzt gesagt. Mir ist es lieber, wenn Männer ihr Testosteron beim Fußball rauslassen, als wenn sie Kriege führen. Und wenn man dann noch für „sein Land“ mitfiebern kann ist das doch wunderbar. Die paar Wochen gehen schnell vorbei. Bei uns verläuft das alles auch eher wie eine riesige Party, Aggressionen habe ich noch nicht mitbekommen.
    Aber ich weiß schon, was du meinst mit dem Fähnchen schwingen.
    LG Alruna

  7. Alruna spricht da ne sehr gute Sache an, der ich zustimme: Irgendwo muss diese Aggression einfach raus. Es zeigt, dass viele Menschen sich normalerweise allein in der Masse fühlen, aber solche Ereignisse schweißen eben zusammen. Ich lasse sie gerne.
    Auch wenn ich mich selbst nicht für Fußball interessiere, schaue ich immer die EM und WM an, immer ab dem Achtelfinale. Natürlich können Besoffene Typen in der Bahn nerven (das verstehe ich vollkommen!) aber das gibt es auch zu anderen Anlässen, nicht nur zu Spielen. Mich nerven mindestens genauso sehr die Leute, die nichtmal alle vier Jahre ein paar Flaggen ertragen können und ein paar Tröten. Wenn mich das nervt, mach ich einfach das Fenster zu. Damit mein ich jetzt übrigens nicht dich, 2Wölfe, deine Einwände kann ich gut verstehen. 😉

  8. Nee, da gebe ich Dir Recht – Leute, die nur solange tolerant sind, wie es sie selbst nicht betrifft, sind auch unerträglich. Wie gesagt, mich berührt nur dieser Herdentrieb etwas unangenehm, weil ich immer leicht das Gefühl bekomme, diese geballte Massenenergie geriete außer Kontrolle. Das hat eigentlich nicht viel mit Fußball zu tun, das Gefühl bekomme ich auch beim Anblick von Demos.

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