Schäfi

Vielleicht ist es Euch schon aufgefallen, oder ich habe es mal erwähnt: Mein Kerl und ich neigen zu Kurznamen für alle Dinge, die wir nicht lang benennen können oder wollen. Brotbackautomat ist zum Beispiel ein schrecklich unromantisches, unpersönliches Wort. Oder Geschirrspülmaschine. Oder der Schäferhund von nebenan. Daher nennen wir sie Broti, Spüli und Schäfi.
Nun kann man das sprachlich durchaus fragwürdig finden, aber wir sind eben so und schämen uns auch fast gar nicht dafür.

Heute Mittag wollte ich eigentlich eine Moderation schreiben. Heute Abend ist groooßes Sommerkonzert, und damit wir die 30-Minuten-Marke auch knacken, werde ich ein bißchen dazwischen reden. Außerdem gibt das den Sängern ein wenig Zeit zum Ausruhen der Stimmbänder. Und die Kirche ist derartig klein, daß die Athmosphäre zwischen Publikum und Chor ohnehin nach etwas Persönlichem schreit, also eine persönliche Erklärung der Titel, die da kommen. Ich hatte also vor, mir ein paar vegetarische Bratlinge (auch so ein Wort, vielleicht sollte ich sie Bratis nennen) in die Pfanne zu hauen und dann ganz gemütlich in meiner wunderschönen Küche zu essen und die Hintergründe Brahms’scher Volksliedbearbeitungen zu recherchieren. Doch dann kam alles ganz anders.

Als wir hier einzogen, vor nun schon über einem Monat, wurden wir vor unseren direkten Nachbarn gewarnt. Naja, nicht direkt gewarnt, aber „die zahlen keine Miete und haben schon einen Prozess am Hals deshalb. Wenn sie Strom von Ihnen haben wollen, geben Sie denen bloß nichts“ und solche Sachen. Das sind eine Frau und ihre erwachsene Tochter. Und diese beiden halten sich einen Hund. Schäfi. Schäfi – wie der Name schon sagt – ist ein Schäferhund. Ich habe gerade Sommerferien und nichts besseres zu tun als in der schönen Küche die Kräuter auf dem Fensterbrett zu bewundern, zu stricken, Schulbücher durchzuarbeiten für den Zweitjob… und in all dieser Zeit habe ich Schäfi ausschließlich Abends gesehen und gehört. Die Nachbarinnen haben ihren Wohnungseingang direkt neben unserem Küchenfenster und müssen dort vorbei, wenn sie Gassi gehen wollen. Nun dreht Schäfi jeden Abend fast durch vor Glück, wenn er endlich raus darf.
Einer in den Bart gegrummelten Bemerkung des Maklers, der offenbar sehr tierlieb ist, habe ich entnommen, daß Schäfi den ganzen Tag in einem Raum eingesperrt ist und nur Abends mal rausgelassen wird. Nun habe ich mich nicht genug für die Nachbarn interessiert, um das zu prüfen, aber da der Hund jedesmal lautstark seinem Glück Ausdruck verleiht, wenn er raus darf, kann ich bestätigen: Es bellt nur Abends. Die Runden, die er dann drehen darf, sind auch nur wenige Minuten lang, dann ist er wieder drinnen, und das ganze läuft auch noch komplett mit Maulkorb ab.
Heute, während ich die Bratis noch schön matschig in der einen und die heiße Pfanne in der anderen Hand hatte, trafen sich 3 Personen vor meinem Küchenfenster: der Hausmeister und 2 fremde Frauen, die offenbar einen Termin mit der Nachbarin hatten, die aber nicht da war. Nach einigen Minuten kamen dann die Nachbarin und auch ihre Tochter, und eine der Frauen stellte sich und ihre Kollegin als Vertreterinnen des Tierschutzbundes vor. Sie wären informiert worden, daß hier ein Hund in unwürdigen Bedingungen gehalten würde, und wollten sich das jetzt mal ansehen. Die Nachbarin reagierte natürlich ziemlich feindselig und wollte zuerst mal niemanden irgendwo hinsehen lassen, bevor ihr Anwalt da sei. Ich fragte mich, wie jemand keine Miete zahlen, sich aber einen ständigen Anwalt leisten könne, da ging draußen ein ziemliches Kuddelmuddel los. Einer beschimpfte den anderen, Fotos wurden gemacht und lautstark eingefordert, der Schlüssel zur Tür fehlte und man konnte den Hund sowieso nicht rauslassen, es wurde darüber gestritten, warum der Hund einen Maulkorb tragen müsse, wenn er alleine in einem Raum sei, und die Nachbarin erklärte, ohne sie wäre der Hund schon längst eingeschläfert gewesen, außer ihr hätte den keiner haben wollen, und es gäbe schon einen Grund für den Maulkorb. Sie sagte ständig „nur zu Ihrer Information“, als würde das irgendwie seriöser klingen. Dann riefen die Nachbarinnen irgendeinen Mann an, der den Schlüssel zum Hunderaum hatte, und Schäfi wurde an der Leine herausgelassen. Wie immer, wenn er raus darf, bellte er und wedelte wie verrückt. Die Nachbarin drohte damit, ihn einfach loszulassen, „wenn er jetzt durchdreht“, dann würde man ja sehen, wozu der Maulkorb da sei, nur zu Ihrer Information, und die Tierschutzfrauen bemängelten den Raum. Es wurde immer heftiger gestritten und natürlich würde Schäfi immer aufgeregter – er kam zur Unzeit aus dem Loch und dann auch noch dieser Rudelkampf. Wahnsinn. Er hat gebellt und gemiekst wie verrückt. Irgendjemand rief die Polizei und ein Auto von einem Schutzhundausbilder (?!? naja, vielleicht war das der einzige Hundetyp, den die Polizisten kennen) und letzten Endes wurde Schäfi in dieses Auto geführt und weggefahren. Jetzt sitzen die Nachbarinnen auf der Treppe neben ihrer Wohnungstür und reden. Die einzige, die die ganze Zeit bittere Tränen vergossen hat, weil einem armen Hund sein Rudel und seine Höhle weggenommen wurden, bin ich. Diese Menschen sind mir total egal. Aber ich hoffe von ganzem Herzen, daß Schäfi jetzt nicht einfach im nächsten Tierheim landet, von ganz oben abgesegnet und „gerettet“, wo er dann – haha – den ganzen Tag mit Maulkorb in einem Zwinger sitzt und nur einmal täglich rausgelassen wird.

Nun versuche ich, diese Leute zu erreichen, deren Internetseite ich mir von der Autotür abgeschrieben habe. Ich muß wissen, ob es Schäfi gut geht, ob er weitervermittelt wird, und vielleicht kann ich mich ja als gelegentlicher Gassigeher anbieten.

Gerade eben, da ich hier schreibe, kommen die beiden Polizisten zurück. Da Spüli inzwischen den Betrieb aufgenommen hat, kann ich den Streit draußen nicht mitverfolgen, ich merke nur, daß es laut ist.

😦 Ich will ein glückliches Schäfi. So einen richtigen Hund: Groß, unerzogen, loyal außer bei Fressen, glücklich wedelnd wenn man eine Leine hochhält, ein bißchen nach feuchtem Fell riechend. Und zu so einem Hund gehören einfach Menschen, die das Spazierengehenwedeln zu schätzen wissen (anders als die Nachbarinnen, die ihn immer einfach nur mitgezerrt haben), konsequent ihre Stellung im Rudel einfordern und durchsetzen und ab und an mal ein Leckerli rüberreichen und hinterm Ohr kraulen.

Advertisements

One Comment to “Schäfi”

  1. Wirklich traurig. Aber es bleibt die Hoffnung, dass Schäfi nun ein Rudel findet, in dem es ihm wirklich rundherum gut geht!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: