After Show Chaos

So Ihr lieben geduldigen Leserinnen, da bin ich jetzt wieder. Dieser Beitrag wird etwas länger, also holt Euch noch einen Kaffee, oder wer sich nicht für die Hochzeitsreise und viel Alltagsblabla interessiert, kommt einfach nächste Woche wieder.
Wir fuhren zunächst nach Thüringen, wo wir neben der Verwandtschaft auch die Saalfelder Feengrotten besuchten. Die sind ein stillgelegtes Bergwerk, das im Guinnesbuch steht als farbenreichstes Höhlensystem der Welt, und dessen Hauptattraktion, der Märchendom, eine schöne Hintergrundgeschichte hat von Bergleuten, die nach einem Einsturz diese wunderschöne Höhle entdeckten und meinten, dort Feen und/oder weiße Frauen gesehen zu haben. Vom Eingang aus sieht man zunächst den sehr liebevoll gestalteten Kinderspielbereich:

Dann geht es in den Berg hinein. Der Führer unserer Tour war ein ehemaliger Bergmann, der unheimlich viel aus seinem Beruf zu erzählen hatte. Manche der Gänge waren unglaublich eng, man mußte Kopf und Schultern einziehen und sich teilweise halb quer irgendwo durchschieben. Was mir heimelig und romantisch vorkam, war wahrscheinlich für die Bergleute vor 100 Jahren täglicher Horror.

Manche Höhlen leuchteten in allen Farben, daher auch der Guinnesbucheintrag:

Und am Schluß kamen wir in den Märchendom, sahen dort eine Lichtshow mit Enyamusik (manche Sachen müssen wohl einfach sein) und bewunderten Stalagtiten und Stalagmiten. Und ja, ich weiß, welche welche sind, seit ich bei einer ähnlichen Führung vor fast 20 Jahren mal einen völlig idiotischen Witz des damaligen Bergführers gehört habe.

Der Märchendom:

Dann fuhren wir in Richtung Frankreich, und an diesem Tag begann das Chaos. Direkt an der Grenze machten wir einen Zwischenstop in einem kleinen Hotel, das uns eine schlaflose Nacht bescherte, denn es waren in unserem Zimmer derartig viele Mücken, daß wir beide trotz ständigen Um-uns-Schlagens am nächsten Morgen übermüdet und am ganzen Körper voller Stiche aufwachten. Außerdem konnte sich offenbar niemand an den am Telefon vereinbarten Preis erinnern und mir wurde eine „offizielle“ Preisliste unter die Nase gehalten, deren Angaben natürlich deutlich höher lagen. Grummel. Nach dem Frühstück packten wir unsere Sachen und mußten dabei feststellen, daß wir weder die Toilette benutzen noch auch nur die Zähne putzen konnten, denn man hatte unangekündigt das Wasser abgestellt. Wir waren zu müde für einen Aufstand und zogen einfach von dannen.
In Frankreich wechselten wir uns mit dem Fahren ab, wobei ich die Strecke durch Lyons abbekam, die ich tierisch anstrengend fand, weil wir über die Stadtautobahnen mußten, unendlich viele Abfahrten zu nehmen hatten und die Leute dort mit dem natürlichen Selbstbewußtsein der Großstädter fuhren. Ähem. Irgendwann Abends landeten wir in einem kleinen Kaff in der Provence, genau wie gewünscht. Der Vermieter des von uns gewählten winzigen Häuschens war ein Deutscher, der seinen Lebensabend auf einem ziemlich großen Grundstück mit Pool und allem Tralala in Südfrankreich verbringt und sich ein bißchen was nebenher verdient, indem er eben jenes Häuschen auf deutschen Touristikseiten bewirbt. Es stand an einer sehr ruhigen Stelle, mitten zwischen Weinbergen, war sehr rustikal und auf den ersten Blick wirklich hübsch. Auf den zweiten Blick – den, den man wirft, sobald der Vermieter weg ist – war es unglaublich dreckig. Im Kühlschrank fehlte zwar die Glühbirne, dafür gab es aber eine Handvoll Schimmel gratis. Der Boden knirschte beim Drübergehen und irgendwie mußten wir uns schon ziemlich zusammennehmen, um uns das alles schönzureden.
Gleich beim ersten Duschen teilte ich mir das Bad mit einem Skorpion. Er saß direkt über dem Wasserhahn und war vermutlich ebenso verblüfft über meine Anwesenheit wie ich über seine. Er war nur etwa daumennagelgroß, und ich wußte, daß es in der Region Skorpione gibt, die nicht tödlich sind, sondern nur lähmen, daher dachte ich mir: Okay, wir haben uns kennengelernt und ich bin zwar nackt, aber mit einem Wasserstrahl bewaffnet, also bitte. Er versteckte sich auch gleich hinter einer Badfliese.
Am Abend desselben Tages traf ich die Mama, als ich eine Küchenrolle aus dem Küchenregal nahm, und sie krabbelte ziemlich hektisch davon – hinter das Regal. Da die „Küche“ nur einen Quadratmeter groß war, die Mama aber schon gut ihre 6 Centimeter hatte, fand ich das schon nicht mehr so entspannend. Am nächsten Morgen tapste ich schlaftrunken (schlechtes Bett! Heißes Wetter!) ins Bad und sah dort Papa Skorpion in der Wanne sitzen. Er war beeindruckend groß und kam gottseidank die glatte Fläche nicht hinauf. Ich starrte ihn eine Weile an, tapste dann wieder hinaus und sagte: „Schatz, wir haben einen skorpion in der Wanne.“ Da Schatz die anderen beiden nicht gesehen hatte, guckte er ganz neugierig nach und wir berieten uns ziemlich lange, ob wir ihn herunterspülen oder einfangen und wegtragen sollten. Herunterspülen fanden wir beide doof, da wir eher Tierretter sind, aber Einfangen? Bei dem Stachel? Nun ja, wir entschieden uns tatsächlich für Einfangen, was mein Freund erledigte, und ich brachte dann das Glas hinaus in einen Weinberg, drehte es dort 3x im Kreis und schüttelte unseren kleinen Freund dann hinaus mit der Bitte um längeres Fernbleiben.
Die nächsten 2 Nächte gewitterte es. Ich liebe Gewitter. Und in diesen beiden Nächten hatte ich zum ersten Mal richtig Angst. Es war unglaublich laut, der Regen prasselte mit einer riesigen Wucht auf das Dach, und wir dachten aufgrund der bloßen Regenlautstärke in der zweiten Nacht sogar, es würde hineinregnen. Immerhin hatte die Decke schon vorher Wasserflecken gehabt. Als wir sicherheitshalber aufstanden, um nachzusehen und überall das Licht anknipsten, war es zwar im ganzen Häuschen trocken, aber an Wänden und Decken hing Besuch.

Da der Besuch hinter den Bilderrahmen (deren Anzahl und Größe uns in diesem kleinen Haus ohnehin gewundert hatte) und Regalen hervorkam und ein Partygast sich sogar, wir führten ja eine einigermaßen fassungslose Inspektion durch, unter der Matratze klebte, beschlossen wir spontan, die restliche Nacht auf der Ladefläche des Autos zu verbringen. Am nächsten Morgen packten wir unsere Sachen (und schüttelten jedes einzelne Stück gründlich aus) und fuhren zum Vermieter, der zum Sachverhalt Skorpione nur die Achseln zuckte und „willkommen in Frankreich“ sagte – dabei hatten wir nichts gegen Skorpione, nur gegen die schiere Masse – und alle sonstigen Kritikpunkte schlicht überging. Schlecht gelaunt weil im Voraus bezahlt verließen wir den Ort und fuhren erstmal nach Vaison la Romaine. Dort schlenderten wir eine Weile herum und suchten uns dann eine Touristeninformation, die uns ein Prospekt mit Zimmern in der Gegend gab. Daraufhin fanden wir ein extrem schönes kleines Zimmer in der Nähe, geführt von einer äußerst kultivierten Frau, die mit uns in drei Sprachen redete, einen laut Schild „Chien de Luxe“ – eine kleine Ratte von einem Hund – beherbergte, zum Frühstück Mozart und Händel auflegte und zwischendurch Stilleben in Öl malte. Es war einfach fantastisch. Hier blieben wir zwei Tage, die allerdings voll mit Kulturbesuchen waren.

Märkte

Das war Isle-sur-la-Sorgue, deren kleine Gassen in der Innenstadt mit Marktständen förmlich überschwemmt waren. Die Stadt liegt halb auf der Sorgue, was für viele Brücken, romantische Ausblicke und einigermaßen kühle Stellen auch bei den über 30° sorgt, die wir hatten. Es war unglaublich bunt, trubelig, sehr sehr voll mit Menschen und Hunden, es gab unheimlich viele Kunsthandwerkerstände und total leckeres Essen: Käse, Obst, überbordende Wurststände (nicht mein Fall, aber wir haben eine als Mitbringsel mitgenommen und damit große Freude ausgelöst), Klamotten handgefilzt oder handgenäht und vieles mehr.

Nyons:

Hier in Nyons waren wir nach unserem Umzug auf einen Tip unserer neuen Vermieterin hin. Die Stadt liegt zwischen Bergen und ebenfalls an einem kleinen Fluß. Dieser Markt war auch ziemlich groß, bunt, beeindruckend vielfältig und sehr sympathisch. Mein einziger Schock war ein kleines, hübsch dekoriertes Tischchen mit Gläsern, die nach Delikatessen aussahen. Ich hielt sie für Honiggläser und fand die Deko mit den niedlichen kleinen Tonschnecken sehr süß, bis mein Mann mich darauf hinwies, daß Honig gemeinhin mit Bienen dekoriert würde und sich in den Gläsern vermutlich etwas anderes befände. Also das fand ich dann nicht mehr so toll. Arme kleine Schnecken!
Außerdem schenkte mir mein tollster aller Männer ein paar Haarspangen, die zwar nicht länger als eine Stunde in meinen Haaren halten wollen, aber wirklich wunderschön aussehen, mit kleinen geschmiedeten Schmetterlingen dran.

Orange

In Orange waren wir erst am Abend unseres unfreiwilligen Umzugs, und da war das Amphitheater leider schon geschlossen. Es ist allerdings auch von außen sehr beeindruckend. Ich habe keine Ahnung, wie man ohne Kran so etwas bauen kann. Der Wahnsinn. Die Stadt selbst ist nicht allzu lauschig, eher eine typische mittlere Großstadt. Wir haben uns dort noch auf einen Markt gesetzt und ganz besonders leckere Pizza gegessen. In Frankreich scheint man auf Pizza zu stehen, und das war das einzig Leistbare für uns.

Daneben ist der Arc de Triomphe, von wo aus ich mit Amala telefonierte, während Hundertschaften von Raben und Krähen über uns hinwegzogen und ein riesiges Krakeele veranstalteten.

Avignon

Papstpalast

…durch den wir ganze 2 Stunden liefen mit einer deutschen Führung am Ohr über eine Art Schnurlostelefon. Leider erklärte dies die wirklich interessanten Dinge nicht, nämlich die Ausstellungsstücke von damals, wie z.B. diese interessanten Bilder:

Tja, leider nur auf Französisch beschildert. 😦

Von innen war der Palast auch beeindruckend, teils schon wegen seiner schieren Größe, teils wegen dieses ungeheuren Prunks – nicht auf die barocke, überladene Art, sondern auf eine frühere, mittelalterlichere Art, die darum umso kompromißloser zeigte, welchen Status die Päpste hatten und verlangten.

Als in Frankreich die Fenstersteuer eingeführt wurde, wurden folgerichtig sämtliche Fenster zugemauert und so gibt es überall diese bemalten ehemaligen Fenster, die zumindest von außen und von Weitem ähnlich aussehen.

Die Kirche in Oppede, auf dem nächsten Foto, wird gerade restauriert. Auf dem Bild ist ein Ausschnitt vom Altarraum. Auf dem Bild in der Mitte nimmt Maria den zentralen und erhöhten Platz ein, was ich bemerkenswert fand. Die Farben leuchten ganz unglaublich, und die Verzierungen überall waren sehr vielfältig und sehr bunt, mit einer Lebendigkeit die mit unserem – oder zumindest meinem – Bild vom Mittelalter irgendwie nicht viel zu tun hat.

Den Berg kann man bis ganz nach oben gehen, allerdings die Klosterruine nur auf eigene Gefahr betreten, wie ein winziges, halb von Büschen überwachsenes Schild verrät. Wir wollten es unbedingt wagen und haben uns einige sehr individuelle Natursteinstiegen hinaufgeschoben, um dafür mit einem wunderschönen Ausblick und einer wirklich zauberhaften Ruine belohnt zu werden.

Außerdem durfte ich in Vaison Wein verkosten. Der erste Schluck hat mich fast aus den Latschen gehauen. Ich hatte das Gefühl, ich würde zum ersten Mal in meinem Leben Wein trinken, so lecker war der. Nicht mit Lidl vergleichbar ist eine starke Untertreibung. Wir packten einen ganzen Wagen voller Flaschen und 5-Liter-Kanister und fuhren damit einen Tag früher als geplant nach Hause zurück, wobei wir wieder an der Grenze zwischenstoppten, diesmal allerdings um die Ecke von Amala, die ich dann auch gleich noch besuchen durfte. Das war ein toller, wenngleich auch kurzer, Abend und ich bin wirklich dankbar, Euch kennengelernt zu haben.

Ganz ehrlich – so habe ich mir meine Hochzeitsreise nicht vorgestellt. Am Anfang nicht so doof, und am Ende nicht so schön. Alles in Allem war es aber wirklich toll. Um den Rest des Chaos‘ (ich durfte ja nahtlos gleich am nächsten Morgen arbeiten gehen, in meine frisch erworbene Zweitstelle als Lehrerin in einer Klasse verhaltensgestörter Teenager) zu erzählen, reicht der Tag nicht mehr, das hole ich alsbald nach.

Edit: Ich habe jetzt ewig herumprobiert und schaffe es nicht, die Fotos nach meinem Wunsch in den Text zu sortieren, aber so sieht es wenigstens einigermaßen passabel aus. Vielleicht brauche ich doch mal bald ein praktischeres Template oder einen WordPress Crashkurs, denn intuitiv funktioniert hier nix.
Bitte auf die kleinen Bilder einfach klicken, dann werden sie normal. Seufz.

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2 Kommentare to “After Show Chaos”

  1. Danke fürs Teil-haben-lassen. 🙂

  2. aaah, vielen dank für’s teilen 🙂
    ich weiß, daß euch das jetzt so direkt kein großer trost sein wird, aber wenn ihr in zehn, zwanzig jahren auf eure hochzeitsreise zurückblicken werdet, werdet ihr über beide ohren grinsen 🙂
    und ich fand es auch toll, dich kennenzulernen. schade, daß du soweit weg wohnst *dagegen!*

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