Kirchenaustritte in Finnland

Ist das nicht nett?

Schon mit den Mißbrauchsskandalen (wann war das doch gleich? ja, da war doch was?) in der katholischen Kirche war ich der Meinung, jemand, der wahrhaft christlich wäre, müsse aus Protest die Kirchenzugehörigkeit aufgeben. Schon aus religiösen Gründen – sich an Kindern zu vergreifen ist ganz einfach das Gegenteil von Nächstenliebe – und auch aus kirchenpolitischen, denn eine solch große Organisation ändert ihren Kurs und ihre Handlungsstrategien nur, wenn irgendwo der Schuh drückt. Bei massenhaften Austritten überzeugt gläubiger Christen mit der Begründung „unsere Religion und unsere Kirche passen nicht mehr zusammen“ würde er gleich an mehreren Stellen drücken: Peinlichkeit, Kirchensteuer, Argumentationszwang.

Nun, diese Leute in Finnland sind Protestanten. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen. Da gibt es homosexuelle Pfarrer und Pfarrerinnen, und dann wird das öffentlich als Sünde bezeichnet. Wie geht das? Und natürlich, wie mein Mann richtig bemerkte, treten auch nur deshalb so viele Leute aus, weil das ganz einfach über ein Onlineformular zu erledigen ist – hierzulande ist offenbar schon die Mühe, ein Anschreiben zu verfassen zu viel, ganz zu schweigen von der Belastung, einem („seinem“) Priester vielleicht persönlich Rede und Antwort stehen zu müssen. Daher meinte mein Kerl auch, das cleverste wäre, wenn schwule Katholiken eine eigene Homepage hätten, die dem geneigten Austreter das verfassen des Austrittschreibens abnähme. Muhahaha.

Was mich an dem TAZ-Link wieder tierisch nervt, sind die Kommentare unter dem Artikel. Leute! „Religion ist sowieso bullshit“ ist KEIN Argument in einer Diskussion, in der es um die KIRCHE geht. (Entschuldigt, bei sowas werde ich zum Großbuchstabenschreiber. Manchmal entdecke ich in mir sogar eine ungute Neigung zu Mehrfachsatzzeichen. Die dunkle Seite der Macht wird immer stärker.) Religion ist ein eigentlich völlig indiskutables Thema. Wer an etwas glaubt, glaubt daran und fertig. „Du glaubst aber falsch“ ist eine völlig hirnrissige Einstellung, denn für jemanden, der an etwas glaubt, sind Glauben und Wissen dasselbe. Und dennoch werden hier immer und immer wieder Inhalt und Form verwechselt und nach Belieben ausgetauscht. -.-
Eine völlig andere Sache dagegen ist der Zusammenschluß vieler Menschen mit einer ähnlichen Weltsicht in einer Organisation, die ihnen einen Leitfaden vorgibt und die von ihren Mitgliedern nach außen repräsentiert wird. Insbesondere, wenn eine solche Organisation die gigantischen Ausmaße der unterschiedlichen christlichen Kirchen annimmt. Natürlich ist schon allein aufgrund ihrer Größe die Kirche (welche auch immer) auch eine politische Macht. Daher sollte sie Dinge mit Bedacht tun und aussprechen und eigentlich vor solchen Kurzschlüssen mit ihren Mitgliedern Rücksprache halten, damit man sich auf einen gemeinsamen Konsens einigen kann. (Natürlich sollten Politiker das auch tun, aber andere Diskussion.)

Ach verdammt, über dieses Thema könnte ich stundenlang predigen. Vielleicht hätte ich doch Pfarrer werden sollen, wie der Berufseignungstest geraten hat. Wenn ich nur die richtige Religion hätte…

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3 Kommentare to “Kirchenaustritte in Finnland”

  1. Die Webseite muss ja nicht mal von schwulen Katholiken erstellt werden – es würde den Kritikern nur etwas Wind aus den Segeln nehmen, ähnlich, wie es bei MOGIS der Fall war.

    Im Namen einer Religion destruktiv zu sein erschließt sich mir sowieso nicht ganz.

  2. Machtpolitisch ist es aber logisch – halte das Fähnchen der Religion hoch, dann erreichst Du alle anderen Zwecke viel leichter und schneller, denn, jetzt mal mittelalterlich gedacht, es kommt niemand auf die Idee, Dinge rund um Religion herum infrage zu stellen – heutzutage natürlich schon, aber immer noch viel zu wenig und nur von außen, was einen christlichen Machtinhaber natürlich nicht juckt. Leider nicht von den Leuten, die es betrifft, also der Masse der Christen, um Mal beim Beispiel katholische Kirche zu bleiben.
    Ich kenne einen ganzen Haufen supernetter Katholiken, die auch sehr gebildet sind, diskussionsfreudig, aufgeschlossen und so weiter. Aber bei der eigenen Kirche scheint da ein inneres Gatter herunterzufallen, das jeden potenziell kritischen Gedanken außen vor hält. Vermutlich weil sie, genau wie Kirchen- und Religionskritiker, denken, Kritik an der Kirche wäre gleichbedeutend mit Kritik am Glauben.

  3. Eigentlich kann man es gar nicht oft genug sagen, dass Religiosität und Mitgliedschaft in einer Kirche zwei Paar Schuhe sind. Ich begreife nicht, wieso viele Menschen den Unterschied da nicht wahrnehmen (wollen). Wenn ich gläubige Kaninchenzüchterin bin und einem Verein angehöre, in dem die Führungsriege Mitgliedsgelder veruntreut, sich an die Juniormitglieder ranmacht oder bekanntgibt, dass das Halten gleichgeschlechtlicher Kaninchen in einem Käfig eine Sünde sei, ist das zunächst einmal kein Schlechtermachen der Kaninchenzucht an sich, sondern schlicht ein Fall für die Gerichtsbarkeit. 😉 Wobei die katholische Kirche hier ja offenbar auch größte Narrenfreiheit genießt…

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