Klavierunterricht

Heute muß ich mal aus aktuellem Anlaß ein Wort – vermutlich werden es eher viele Worte – zu meiner kleinen Klavierschülerin loswerden. Ich unterrichte die 7jährige Tochter einer Dorfkatechetin. Dieses Kind ist sehr intelligent und aufgeweckt, hat viel Fantasie und nicht das geringste Maß an Erziehung. Der Vater wohnt irgendwo anders und kommt gelegentlich mal am Wochenende vorbei. Bei diesen Gelegenheiten macht er den Eindruck, das Leben wäre ein einziger Reggaetitel. Die Mutter ist das fleischgewordene Gegenteil von Organisation; in ihrer Wohnung, in der ich das Kind vor einem halben Jahr noch unterrichtet habe, sieht es aus wie SAU, und das sage ich, die ich einen haarenden Labrador hatte und nie viel Lust zum Aufräumen. Diese Mutter gibt dem Mädchen weder jemals ein ernstzunehmendes Nein noch irgendeine sinnvolle Verhaltensrichtlinie, was dazu führt, daß die Kleine ihr auf der Nase herumtanzt, sie manipuliert ohne Ende und dasselbe auch mit allen anderen Menschen tun zu können glaubt. Dazu ist sie nicht in der Lage, sich 5 Minuten auf ein Thema zu konzentrieren (was im Klavierunterricht Spaß macht), die Wahrheit zu sagen (weshalb ich sie immer Händewaschen schicken muß, da ich mich auf ihre Aussagen nicht verlassen kann) oder vernünftig zu kommunizieren („Hattest Du diese Woche Zeit zu Üben?“ – „Murmelmurmel… Mein Lieblingstier ist der Delphin.“)
Heute sagte mir die Mutter in Hörweite ihrer aufmerksam lauschenden Tochter, manchmal sei sie entsetzt über das Verhalten ihres Kindes (sowas würde ich echt vor meinem Kind niemandem sagen – wie demütigend ist das denn?) – und wenn sie dann mal in der Schule sei, müsse sie feststellen, daß alle anderen Kinder noch viel schlimmer seien. HALLO? Was für eine willkommene Generalabsolution. Und wie schön, daß das Kind sich jetzt auch darauf berufen kann. Die Mutter behauptet ja auch immer wieder, die Kleine sei gerade in einem schwierigen Alter (was macht sie dann, wenn ihre Tochter 14 wird?) und ist gegen jeden Versuch, ihr simpelste Ratschläge wie „setz Dich durch“ zu geben – inzwischen hat es wohl schon die ganze Dorfgemeinde inklusive des Pfarrers versucht – vollkommen immun.

Und dieses wunderbare Kind ist mein wöchentliches Erziehungsprojekt. Anfangs habe ich die Kleine zu Hause unterrichtet. Für mich sind das 15-20 Minuten Autofahrt, aber die Mutter hat eben keine Zeit, das Kind irgendwohin zu bringen, und ihre Schule mit Hort ist gleich um die Ecke und ein Klavier war zu Hause vorhanden, also dachte ich mir, den Gefallen tue ich ihr. Der Unterricht begann etwas stockend, da die Klärung der Frage, woher das Kind einen Wohnungsschlüssel bekäme, einige Wochen dauerte, und als er dann begann, mußte ich mich wie gesagt in einen Saustall ohne jeden Vergleich begeben. Womit ich nicht gerechnet hatte, war natürlich, daß das Kind sich in besagtem Saustall zu Hause fühlt. Das war ihr Revier, ihre Höhle. Und entsprechend aufmüpfig wurde sie mit der Zeit. Alles begann mit zwischendurch mal schnell was trinken gehen (in 30 Minuten Unterricht nicht wirklich nötig, da sie vorher genug Zeit hatte), ging dann weiter über mal eben das Meerschweinchen holen und kraulen und fand seinen Höhepunkt in der Woche, in der ich an der Wohnung klopfte und von drinnen hörte: Is‘ offen! Ich ging hinein und nichts passierte. Also zog ich mir erstmal die Schuhe aus und suchte die Kleine. Ich fand sie mit einem Laptop auf dem Schoß im Wohnzimmer sitzend, völlig vertieft in ein Computerspiel. Auf mein Guten Tag erwiderte sie ohne hochzuschauen: „Der blöde Frosch! Nie schaffe ich das!“ Als ich meinte, sie könne es ja nach der Klavierstunde weiter versuchen, bekam ich gar keine Antwort, denn sie versuchte es bereits weiter. Leise über das Spiel schimpfend, ignorierte sie meine Versuche, mit ihr zu reden und sie auf die Klavierstunde hinzuweisen. Schließlich sagte ich ihr, sie möchte bitte das Spiel weglegen und ans Klavier kommen, sonst würde ich sofort wieder fahren, denn um dumm herumzuwarten wäre ich nicht den ganzen Weg gekommen. Da sie mich weiter ignorierte in dem sicheren Mama-gestützten Bewußtsein, daß Erwachsene eh nie ihre Drohungen wahrmachten, ging ich. Ich zog mir draußen die Schuhe an und hörte nach 30 Sekunden ein stinkwütendes „Ey!“ – und plötzlich stand sie in der Tür, die Fäuste in die Seiten gestemmt und fauchte mich an: „Du kannst nicht einfach gehen! Du mußt mir Klavier geben!“ Ich sagte: „Ja, das habe ich gerade 10 Minuten lang versucht, aber Du wolltest lieber Spielen als Unterricht haben, deswegen gehe ich jetzt und werde auch nächste Woche nicht wiederkommen.“ Vollkommen sprachlos vor Entrüstung fiel ihr nichts mehr ein, als mir mit Wucht die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

Eine Weile hörte ich nichts von Mutter und Kind – die Mutter ist sehr telefonfaul, wenn es darum geht, solche Dinge auszubügeln, denn ihr gehen vermutlich die Ausreden aus – und irgendwann nach ein paar Wochen drückte mir die Mutter eine Entschuldigungskarte in die Hand, erzählte mir irgendwas vom Pferd von wegen schwieriges Alter blabla und bat mich, den Unterricht wieder aufzunehmen. Ich sagte ihr, das könne ich tun, aber unter der Voraussetzung, daß sie sich bewegen würden und in mein Territorium kämen, damit diese blödsinnigen Machtspielchen aufhörten, und daß das Kind auch wirklich Unterricht haben will. Ich habe nämlich nach wie vor den Eindruck, sie wolle zwar gerne ein Instrument lernen, aber eigentlich lieber etwas anderes, und müsse Klavier machen, weil davon schon eins zu Hause herumsteht. Mutter versicherte mir, das Kind sei ganz heiß auf Klavierunterricht (haha), nur in die Stadt bringen könne sie sie nicht, weil sie zuviel zu tun habe. Da sprangen meine eigenen Eltern in die Bresche, die im selben Dorf wohnen wie die Katechetin, und boten ihr Wohnzimmer an. Da muß das Kind immer noch ans andere Ende des Dorfes laufen oder radeln, und es ist mehr mein Revier als ihres, aber sie schafft es immerhin alleine über einen sicheren, autofreien Feldweg.
So. Nun haben wir vor einem Monat wieder mit dem Unterricht begonnen. Erstmal konnte ich alles wieder von vorne anfangen, was wir eigentlich schon ganz gut draufhatten. Sogar die Fingerhaltung. Aber okay. Dann kam sie vor 2 Wochen nicht. Nach 20 Minuten dachte ich: Bitte Popolecken und fuhr heim. Sechs Tage später rief die Mutter an und brabbelte irgendwas von Fehlkoordination mit den Horterziehern. Ich sagte, das wäre zwar Zeitverschwendung gewesen, aber da ich ja trotzdem das Honorar für’s Warten bekommen würde, solle sie sich mal keinen Kopf machen, woraufhin sie etwas ins Stottern kam. Dann sagte ich, ich hätte gerne die Nummer vom Hort (Warum muß ich sowas eigentlich einfordern? Müßte ihr als Mutter nicht daran gelegen sein, daß ich bei Verspätung ihres Kindes dort nachfragen kann?) Letzte Woche kam die Kleine wieder nicht. Ich wartete 40 Minuten, dachte wieder P… naja, und fuhr heim. Diesmal rief die Mutter garnichtmal erst an. Heute, als ich mir schon ein gutes Buch für die schöne halbe Stunde alleine bei meinen Eltern mit einer großen Tasse Kaffee mitgenommen hatte, kam sie an der Hand ihrer Mutter, und nur eine Viertelstunde zu spät. *thumbs up!* Ich bat die beiden herein und erklärte, daß sie eine Viertelstunde zu spät seien und ich heute leider nicht überziehen könne, weil mein Mann ohne Wohnungsschlüssel losgefahren war und ich ihn nicht im Regen warten lassen wolle. Antwort: „Wie, zu spät?“ Da hatte die liebe Mama doch glatt die vereinbarte Uhrzeit durcheinandergebracht.
Während der „Stunde“ war das Kind unerträglich, vermutlich weil sie sich in Mamas Gegenwart vor Schimpfe sicher wähnte. Mama ihrerseits beobachtete mich mit Argusaugen, und immer, wenn sie vermutete, daß ich genervt sei, ließ sie einen pseudo-erzieherischen Satz vom Stapel. „Benimm Dich doch mal wie ein Mensch!“ (Die Kleine kroch gerade auf allen Vieren unter dem Tisch herum.) – „Ich benehme mich wie ein Kind!“ (Völlig richtige Feststellung, fand ich. 🙂 ) – „Nein, Du benimmst Dich nicht wie ein Kind!“ – Kind krabbelt weiter am Boden. Ganz toll, oder? Ich komme mit der Kleinen wirklich gut klar, obwohl sie wahnsinnig anstrengend ist, und sie ist regelrecht süchtig nach mir, wenn wir uns mal außerhalb der Stunde treffen bei einem Kirchenfest oder so. Aber diese Mutter… die möchte ich jedesmal, wenn ich sie sehe, mit dem Kopf auf die nächste Tischplatte hauen.

Egal. Ich spare ja auf einen neuen Laptop, und dafür sind die paar Silberlinge, die ich mir Montags verdiene, ganz in Ordnung. Und, wie meine Mutter feststellte: „Wenigstens sieht sie einmal in der Woche ein aufgeräumtes Zimmer.“

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5 Kommentare to “Klavierunterricht”

  1. oh,weia… da verdienst du dein Geld aber wirklich sauer..

  2. ohje. gut, dass du so gute nerven hast. kinder in die welt setzen kann halt jeder. sich wirklich mit ihnen befassen und die verantwortung übernehmen wollen hingegen leider immer weniger…

  3. Man fragt sich nur, warum Menschen in sozialen, besonders menschenbezogenen Berufen so sind. Ich meine, die Frau ist Katechetin. Sowas wird man doch nicht zufällig.

  4. Naja, sie weiß, wie sie so ist, und sucht sich danach ihren Beruf aus. Viele soziale Menschen, die mal ein Auge zudrücken, kein wirtschaftlicher Druck – für sie ist der Job ein idealer Schutzraum. Es leiden nur alle anderen Beteiligten darunter, dass sie (natürlich) nicht für die Arbeit geeignet ist.

  5. Abartig…
    Du hast wohl Nerven wie Drahtseile.
    Klar ist die Kleine süchtig nach Dir, Du sagst vielleicht als einzige, wo’s langgeht und setzt ihr Grenzen.

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