Nachtrag – Grübeln zum neuen Jahr.

Weil es ausgerechnet der „God of the Arts“ war, den ich zog, als ich um eine Karte bat, um zu wissen, an wen ich mich in diesem Jahr wenden kann, wer repräsentativ für dieses Jahr einsteht, wer mir helfen würde, habe ich erneut über das Musizieren nachgedacht. Ich spüre, wie es in mir wächst. Ich spüre, wie es immer größer wird, immer vordergründiger, und wie es herausbrechen will – und spielen. Ich fühle, wie es in mir singt und erahne einen Pool voller Inspiration tief in mir. Sogar mein Mann vermutet das, nachdem ich ihm von meinen Träumen erzählt habe, in denen ich ständig Lieder komponiere (oder Cellokonzerte btw), an die ich mich schon bald nach dem Aufwachen nicht mehr erinnere.

Auch die Tarotlegung sagt mir in einer nie erlebten Deutlichkeit: Laß los, was nicht mehr gut für Dich ist und geh unbeirrbar Deinen Weg. Beweise Dich, steh für Dich ein, verfolge Dein Ziel.

Und hier ist mein Problem. Ich weiß nicht, was mein Ziel ist. Wenn ich es wüßte, würde ich regelrecht darauf zupreschen, aber ich weiß es nicht. Ich weiß, was ich nicht will. Ich weiß, was andere von mir wollen. Ich weiß, was vernünftig ist und realistisch, üblich und erwartbar. Aber was mich selbst betrifft, gibt es kein Ziel: Ich will einfach nur spielen. Ich will meine Musik machen. Ich will singen und tanzen und proben und aufführen, ich will Lieder schreiben im Überfluß, Ich will über Musik reden und mit und durch die Musik. Ich will Menschen dazu bringen, dasselbe zu tun, Amateure wie Profis.

Aber wo bleiben da die alten Freunde? Angst, Selbstzweifel, Scham, wohin mit ihnen? Sie schieben sich immer vor und erzählen mir irgendwas vom Pferd: Üb Klavier, vielleicht stellt Dich ja doch mal ein verzweifeltes Opernhaus ein, wo Du dann 16 Stunden am Tag knechten kannst. Das wäre doch was. Da hättest Du doch endlich was Richtiges. Wofür hast Du eigentlich studiert? Was werden Deine Eltern sagen, die das Studium voll finanziert haben? Sind sie eigentlich die einzigen, die enttäuscht sind, wenn Du konventionelle Wege verläßt? Immerhin bist Du schon 30. Wenn Du jetzt keinen ordentlichen Job kriegst, wann dann? Darfst Du überhaupt mit Leichtigkeit glücklich sein? Darf man überhaupt als Künstler glücklich sein? Oder gehört das Klischee von der Geldnot, der Schaffenskrise und dem Beziehungschaos so untrennbar dazu, daß ich mich völlig selbst blockiere, um all das auszusperren, so weit entfernt es auch in Wahrheit sein mag? Darf ich eigentlich Lieder schreiben und es vielleicht auch noch in aller Arroganz „komponieren“ nennen, obwohl ich nicht Komposition studiert habe? Ja, nichtmal einen Liedermacherworkshop besucht? Gibt es sowas eigentlich? Muß ich das noch machen? Ist es eigentlich in Ordnung, Dinge einfach fließen zu lassen, ohne ihnen eine edukative, kopfige, offizielle Grundlage zu geben? Wie abhängig bin ich eigentlich von Geld?

Wenn ich Geld im Übermaß hätte, wüßte ich sofort, was ich tun würde. Ich würde diesen Musikschuljob nicht antreten am Montag. Stattdessen würde ich ein großes Haus am See kaufen und dort (mindestens) ein großes Musikzimmer einrichten und dann würde ich mir Leute einladen, mit denen ich gern spiele – und spielen. Spielen, spielen. Kleine, feine Hauskonzerte. Private und kommerzielle Aufnahmen. Proben für Konzerte. Mir den Publikumsgeschmack am Arsch vorbeigehen lassen. Authentisch bleiben im Barock, das geht auch auf modernen Streichinstrumenten. Lieder schreiben, Lieder über Lieder. Gedichte sammeln, die mich zur Vertonung reizen und die Autoren auf einen Tee einladen, um mit ihnen auf Tuchfühlung zu gehen. Workshops für Musikamateure abhalten, Chöre mal ein Wochenende proben lassen. Unterrichten, wen ich will. Unterricht nehmen, bei wem ich will. Ich würde ein offenes Haus aufbauen, in dem ein Kommen und Gehen herrschte von Leuten, denen tatsächlich das Musizieren am Herzen liegt – nicht die Selbstdarstellung.

Das will ich. Ich bestelle es hiermit. Hörst Du mich, Universum? Ich will finanziell unabhängig genug sein, um mich musikalisch völlig frei bewegen zu können – zeitlich, räumlich, geldlich, personell. Und ich will das ganz allein schaffen und nicht meinem Mann, mit dem ich bitte auch weiterhin sehr glücklich sein möchte, auf der Brieftasche liegen. Ich will jede Möglichkeit, Musik zu verbreiten, bedenkenlos nutzen können. Bitte sag mir Bescheid, wann ich einen Lottoschein ausfüllen sollte. Vielen Dank.

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6 Kommentare to “Nachtrag – Grübeln zum neuen Jahr.”

  1. Unser Wunsch ans Universum sieht ähnlich aus.
    Ich will finanziell unabhängig sein um das tun zu können, was mir am Herzen liegt.
    Zu malen, was ich möchte, zu schreiben, was meine Seele will etc.etc.
    Und wir sind es beide wert. 🙂

    • Ja, ich mußte auch sehr an Euch beide denken, und meine beste Freundin aus Schultagen hat mich gleich nach dem Beitrag angemailt, weil sie ähnlich träumt. Auch von Schwester B weiß ich, daß sie sich so etwas wünscht (sie töpfert ziemlich gut) – und kunstrichtungsübergreifend wäre so ein Haus (oder whatever) natürlich der absolute Hammer. Vielleicht noch mit einer kulinarischen Anreicherung 😀 … *träum*

      Und ich muß gestehen, nachdem ich gebloggt habe vorhin habe ich mich sofort an den Computer gesetzt und bis 18.30 Uhr an „Ring the Bell“ weitergearbeitet. Das Stück schafft mich zwar, aber ich konnte einfach nicht aufhören. Und diese mich schaffende Arbeit macht mich sooo unglaublich glücklich – müde, aber sehr zufrieden. Ich lerne jetzt, wie es ist, wenn es nicht einfach „Plop“ macht und ein Stück im Kopf ist, so wie Inner Beauty, sondern wenn man eben richtig Arbeitskraft hineinstecken muß, intensives Nachdenken, Ausprobieren und Verwerfen. Und es ist ungeheuer befriedigend, eine Sache, ein Werk auf diese Art wachsen zu sehen. Ich fürchte, das kann ich nicht mehr gehen lassen. Ich will das jetzt immer. So will ich arbeiten – und wenn es fertig ist, will ich die richtigen Leute, um es aufzuführen; um so eine Konzertorganisation kümmere ich mich schon. 😀 Und ich werde sehen, wie ich mir das ermöglichen kann. Und wann.

      • Ganz genau – das macht süchtig.
        Beides – wenn jemand anklopft und sagt „Mal mich!“ und dann diese Kämpferei, das alles richtig zu Papier zu bringen.
        „Richtig“ im Sinne von so wie ich es will und so, dass man die Energie herausspürt.

  2. Du hast doch ein Ziel! und was für ein Schönes! 😉 Ich wünsche dir, dass du alles Nötige dazu findest/bekommst, um es zu verwirklichen.

    Mein Traum ist übrigens sehr ähnlich. Im Kleinen lebe ich ihn, bereits, aber ich wünsche mir – genauso wie du – ihn sorglos leben zu können (also mit der nötigen materiellen Sicherheit).

    Frohes neues Jahr, du Liebe! 🙂

  3. Solche Träume sind wunderbar. Und heißt es nicht immer, dass wir unsere Wirklichkeit herbeiträumen können?
    Glaube fest an dich und daran, dass alles so kommt wie es sein soll.
    Ein gutes neues Jahr wünsche ich dir,
    Alruna

  4. Ich danke Euch. 🙂 Ich werde jetzt wohl einfach, so irre es sich auch anfühlen mag, Fakten schaffen – mal eine Liste aufstellen, was ich will und was es dazu braucht und woher ich das entsprechend bekommen könnte. Heute hatte ich ein tolles Telefonat mit Aquamarine, und sie hat völlig Recht: Wir besitzen gar kein Geld, das wir in irgendwas investieren könnten. Was also können wir verlieren? Nichts außer ein wenig Zeit. Fatalistisch aber wahr. Und diese Zeit investiere ich doch gerne.

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