Komponieren

Ja, ich habe mich entschlossen, es so zu nennen. Und es fühlt sich noch gar nicht gut an. Das Teufelchen auf der einen Schulter gibt ständig Schmähreden von sich, aber das Engelchen auf der anderen bleibt stur dabei: Nenn es solange Komponieren, bis Du Dich an den Begriff gewöhnt hast, an die Tätigkeit selbst und vor allem: daran, mit anderen darüber zu sprechen. Ich habe gestern mit meinem Vater darüber gesprochen, daß ich Lieder schreibe und die gerne aufführen würde (wir hatten in anderem Zusammenhang über einen bestimmten Aufführungsort geredet) und es hat sich angefühlt wie eine Beichte. Gut, mein Vater neigt auch dazu, Teufelchen zuzustimmen, sobald ich vorgegebene „Das-macht-man-aber-so“-Spuren verlasse. Aber dennoch – wie eine verdammte Beichte. Meine Güte, ich schäme mich tatsächlich dafür, mein Tun beim Namen zu nennen! Ich glaube, ich werde Hilfe dabei brauchen, diesen völlig verqueren Kopf aufzuräumen. Bzw. aus einem viel zu möbelhausmäßig angepaßten Kopf endlich einen richtigen künstlerischen Querkopf zu machen.

Gestern habe ich mit meinem Chor zwei völlig neue Stücke geprobt: Eine Eigenkomposition (Güte, ich schäme mich sogar, das Wort hier zu schreiben, aber das Engelchen hat ein göttliches Nudelholz) und ein Lied von jemand anderem, für das ich einen eigenen Chorsatz geschrieben habe, damit es für uns paßt. Durch das eigene Stück haben wir uns ganz gut durchgekämpft – englischer Text ist immer schwierig, weil auf dieser Seite der ehemaligen innerdeutschen Grenze alle Leute, die auch nur ein Jahr älter sind als ich, noch Russisch lernen mußten und weil außerdem nur der halbe Chor da war – und sind heil hinten angekommen. Erschöpft machten wir 10 Minuten Pause, um dann den Satz anzufangen. Als wir uns auch da erfolgreich von Anfang bis Ende durchgekämpft hatten, fiel einer Sängerin auf, daß da mein Name auf dem Notenblatt steht („Text & Musik: XY, Satz: 2Wölfe“) und sie wurde gar nicht mehr fertig darüber, zu bewundern, daß ich einfach so einen Satz zu einem existierenden Lied schreiben konnte. Unglaublich, großartig – wie kann man sich sowas einfach ausdenken? Ich konnte nur überrascht dasitzen und verzichtete darauf, ihr zu sagen, daß ich mir das andere Stück komplett selbst ausgedacht habe. Aber in solchen Momenten wird mir wieder bewußt, daß es tatsächlich Arbeit ist, die ich da leiste. Gedankenarbeit. Arbeit, die Menschen mit anderen Ausbildungen nicht zu leisten imstande wären. In solchen Momenten kotzt das Teufelchen ab und Engelchen führt einen Hulatanz auf.

Am Montag, an meinem ersten Tag an der neuen Musikschule, hatte ich etwas Wartezeit vor dem Unterricht, da ich mit einem sehr großen Zeitpuffer losgefahren war. Und schrieb und schrieb die ganze Fahrt in der Regional- und S-Bahn, in der Musikschule, auf dem Weg nach Hause an einem neuen Stück. Ich wollte es zuerst ebenfalls zu einem Chorstück machen, aber in dem Fall würde es nie uraufgeführt werden, denn mein Chor könnte das nicht leisten, und Profichöre würden es nicht singen. Da mir außerdem ein reiner Chor für den Text nicht flexibel genug erschien, habe ich es umgewandelt in (zum ersten Mal) ein Duett mit bunter Instrumentalbegleitung: Streichquintett, Klavier, Gitarre. (Übrigens, Ash – ich weiß gar keinen Titel davon, der war glaube ich nicht angegeben bei Deinem Blogeintrag damals. Ich werde dem Lied jetzt erstmal irgendeinen Arbeitstitel verpassen, boundless ocean oder so, aber wenn es einen Titel gibt, wär der schon schöner.)

Auch dieses Stück schafft mich total. Es ist unglaublich anstrengend und fordernd. Es will von mir 100%igen Einsatz. Es verlangt Aufmerksamkeit, Initiative, Kreativität, Persönlichkeit, Selbstreflexion, Sorgfalt. Ich liebe es. Und bis es endgültig fertig ist, wird es wohl noch Zeit und Kraft zehren ohne Ende. Selbst Ring the bell ist ja noch nicht fertig – obwohl bereits alle Noten in allen Stimmen schön ordentlich im Computer gespeichert sind, aber das Zufriedenheitslevel ist einfach noch nicht erreicht – ich muß es aber sowas von überarbeiten. Ächz, stöhn. Und freu. 😀

Advertisements

7 Kommentare to “Komponieren”

  1. Klingt doch alles ganz großartig! lass dich vom Teufelchen nicht verrückt machen !

  2. Genau lass dich nicht verrückt machen *gg*. Ich kenn das zwar selber von mir und denke mir immer, dass ich nicht gut bin in dem was ich tue … aber in lichten Momenten denke ich mir: Hey … das hast du geschrieben … oder gemalt oder oder oder 😉

    Also halten wir uns an den lichten Momenten fest und lassen sie tief in uns erstrahlen 🙂
    Und die Kopfwäsche gibt es gratis nächste Woche 😉

  3. Ich danke Euch. Ja, halten wir uns an den hellen Momenten fest – und die Kopfwäsche ist nötig und wird mir guttun. *knuddel*

  4. Lass das Teufelchen und andere ähnliche Stimmen einfach reden.
    Gaaar nicht drum kümmern.
    Es hatte einen Titel übrigens *nickt* The Buried Dream

  5. Ah – naheliegend. 🙂

    Die Stimmen einfach liegenzulassen ist die vermutlich schwerste Arbeit daran. Ich muß wirklich sehen, daß ich mich mit Leuten umgebe, die mich nicht schlechtreden. Die meisten machen das ja nicht, weil sie mein Zeug schlecht finden (wenn es so ist, kann ich damit leben, gegen seinen Geschmack kann ja keiner an), sondern weil sie einfach eine so starre Erwartungshaltung haben, daß alles andere dagegen abfällt und als suboptimal betrachtet wird. Siehe mein geistig völlig starrer wenn auch sonst total lieber Papa, der immer noch der Meinung ist, ich hätte die Zähne zusammenbeißen und im Schuldienst bleiben sollen, wo ich schon nach einem Jahr chronisch krank war. Weil, das ist ja was Sicheres, ergo das Beste für mich, ergo alles andere nur Traumschaumschlägerei.

    Und am Schlimmsten natürlich meine eigene Stimme in Form von Teufelchen, dem kleinen Mistvieh. Aber daran arbeite ich. *nick* Ich werde diesen Traum nicht begraben. Vielleicht noch ewig weiterträumen, bevor es mal an die Erfüllung geht, aber wenigstens das.

  6. Gute Idee… *den T-Shirt-Bedrucker im Haushalt anquatschen geht*

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: