Archive for ‘nachgedacht’

5. Januar 2011

Komponieren

Ja, ich habe mich entschlossen, es so zu nennen. Und es fühlt sich noch gar nicht gut an. Das Teufelchen auf der einen Schulter gibt ständig Schmähreden von sich, aber das Engelchen auf der anderen bleibt stur dabei: Nenn es solange Komponieren, bis Du Dich an den Begriff gewöhnt hast, an die Tätigkeit selbst und vor allem: daran, mit anderen darüber zu sprechen. Ich habe gestern mit meinem Vater darüber gesprochen, daß ich Lieder schreibe und die gerne aufführen würde (wir hatten in anderem Zusammenhang über einen bestimmten Aufführungsort geredet) und es hat sich angefühlt wie eine Beichte. Gut, mein Vater neigt auch dazu, Teufelchen zuzustimmen, sobald ich vorgegebene „Das-macht-man-aber-so“-Spuren verlasse. Aber dennoch – wie eine verdammte Beichte. Meine Güte, ich schäme mich tatsächlich dafür, mein Tun beim Namen zu nennen! Ich glaube, ich werde Hilfe dabei brauchen, diesen völlig verqueren Kopf aufzuräumen. Bzw. aus einem viel zu möbelhausmäßig angepaßten Kopf endlich einen richtigen künstlerischen Querkopf zu machen.

Gestern habe ich mit meinem Chor zwei völlig neue Stücke geprobt: Eine Eigenkomposition (Güte, ich schäme mich sogar, das Wort hier zu schreiben, aber das Engelchen hat ein göttliches Nudelholz) und ein Lied von jemand anderem, für das ich einen eigenen Chorsatz geschrieben habe, damit es für uns paßt. Durch das eigene Stück haben wir uns ganz gut durchgekämpft – englischer Text ist immer schwierig, weil auf dieser Seite der ehemaligen innerdeutschen Grenze alle Leute, die auch nur ein Jahr älter sind als ich, noch Russisch lernen mußten und weil außerdem nur der halbe Chor da war – und sind heil hinten angekommen. Erschöpft machten wir 10 Minuten Pause, um dann den Satz anzufangen. Als wir uns auch da erfolgreich von Anfang bis Ende durchgekämpft hatten, fiel einer Sängerin auf, daß da mein Name auf dem Notenblatt steht („Text & Musik: XY, Satz: 2Wölfe“) und sie wurde gar nicht mehr fertig darüber, zu bewundern, daß ich einfach so einen Satz zu einem existierenden Lied schreiben konnte. Unglaublich, großartig – wie kann man sich sowas einfach ausdenken? Ich konnte nur überrascht dasitzen und verzichtete darauf, ihr zu sagen, daß ich mir das andere Stück komplett selbst ausgedacht habe. Aber in solchen Momenten wird mir wieder bewußt, daß es tatsächlich Arbeit ist, die ich da leiste. Gedankenarbeit. Arbeit, die Menschen mit anderen Ausbildungen nicht zu leisten imstande wären. In solchen Momenten kotzt das Teufelchen ab und Engelchen führt einen Hulatanz auf.

Am Montag, an meinem ersten Tag an der neuen Musikschule, hatte ich etwas Wartezeit vor dem Unterricht, da ich mit einem sehr großen Zeitpuffer losgefahren war. Und schrieb und schrieb die ganze Fahrt in der Regional- und S-Bahn, in der Musikschule, auf dem Weg nach Hause an einem neuen Stück. Ich wollte es zuerst ebenfalls zu einem Chorstück machen, aber in dem Fall würde es nie uraufgeführt werden, denn mein Chor könnte das nicht leisten, und Profichöre würden es nicht singen. Da mir außerdem ein reiner Chor für den Text nicht flexibel genug erschien, habe ich es umgewandelt in (zum ersten Mal) ein Duett mit bunter Instrumentalbegleitung: Streichquintett, Klavier, Gitarre. (Übrigens, Ash – ich weiß gar keinen Titel davon, der war glaube ich nicht angegeben bei Deinem Blogeintrag damals. Ich werde dem Lied jetzt erstmal irgendeinen Arbeitstitel verpassen, boundless ocean oder so, aber wenn es einen Titel gibt, wär der schon schöner.)

Auch dieses Stück schafft mich total. Es ist unglaublich anstrengend und fordernd. Es will von mir 100%igen Einsatz. Es verlangt Aufmerksamkeit, Initiative, Kreativität, Persönlichkeit, Selbstreflexion, Sorgfalt. Ich liebe es. Und bis es endgültig fertig ist, wird es wohl noch Zeit und Kraft zehren ohne Ende. Selbst Ring the bell ist ja noch nicht fertig – obwohl bereits alle Noten in allen Stimmen schön ordentlich im Computer gespeichert sind, aber das Zufriedenheitslevel ist einfach noch nicht erreicht – ich muß es aber sowas von überarbeiten. Ächz, stöhn. Und freu. 😀

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1. Januar 2011

Nachtrag – Grübeln zum neuen Jahr.

Weil es ausgerechnet der „God of the Arts“ war, den ich zog, als ich um eine Karte bat, um zu wissen, an wen ich mich in diesem Jahr wenden kann, wer repräsentativ für dieses Jahr einsteht, wer mir helfen würde, habe ich erneut über das Musizieren nachgedacht. Ich spüre, wie es in mir wächst. Ich spüre, wie es immer größer wird, immer vordergründiger, und wie es herausbrechen will – und spielen. Ich fühle, wie es in mir singt und erahne einen Pool voller Inspiration tief in mir. Sogar mein Mann vermutet das, nachdem ich ihm von meinen Träumen erzählt habe, in denen ich ständig Lieder komponiere (oder Cellokonzerte btw), an die ich mich schon bald nach dem Aufwachen nicht mehr erinnere.

Auch die Tarotlegung sagt mir in einer nie erlebten Deutlichkeit: Laß los, was nicht mehr gut für Dich ist und geh unbeirrbar Deinen Weg. Beweise Dich, steh für Dich ein, verfolge Dein Ziel.

Und hier ist mein Problem. Ich weiß nicht, was mein Ziel ist. Wenn ich es wüßte, würde ich regelrecht darauf zupreschen, aber ich weiß es nicht. Ich weiß, was ich nicht will. Ich weiß, was andere von mir wollen. Ich weiß, was vernünftig ist und realistisch, üblich und erwartbar. Aber was mich selbst betrifft, gibt es kein Ziel: Ich will einfach nur spielen. Ich will meine Musik machen. Ich will singen und tanzen und proben und aufführen, ich will Lieder schreiben im Überfluß, Ich will über Musik reden und mit und durch die Musik. Ich will Menschen dazu bringen, dasselbe zu tun, Amateure wie Profis.

Aber wo bleiben da die alten Freunde? Angst, Selbstzweifel, Scham, wohin mit ihnen? Sie schieben sich immer vor und erzählen mir irgendwas vom Pferd: Üb Klavier, vielleicht stellt Dich ja doch mal ein verzweifeltes Opernhaus ein, wo Du dann 16 Stunden am Tag knechten kannst. Das wäre doch was. Da hättest Du doch endlich was Richtiges. Wofür hast Du eigentlich studiert? Was werden Deine Eltern sagen, die das Studium voll finanziert haben? Sind sie eigentlich die einzigen, die enttäuscht sind, wenn Du konventionelle Wege verläßt? Immerhin bist Du schon 30. Wenn Du jetzt keinen ordentlichen Job kriegst, wann dann? Darfst Du überhaupt mit Leichtigkeit glücklich sein? Darf man überhaupt als Künstler glücklich sein? Oder gehört das Klischee von der Geldnot, der Schaffenskrise und dem Beziehungschaos so untrennbar dazu, daß ich mich völlig selbst blockiere, um all das auszusperren, so weit entfernt es auch in Wahrheit sein mag? Darf ich eigentlich Lieder schreiben und es vielleicht auch noch in aller Arroganz „komponieren“ nennen, obwohl ich nicht Komposition studiert habe? Ja, nichtmal einen Liedermacherworkshop besucht? Gibt es sowas eigentlich? Muß ich das noch machen? Ist es eigentlich in Ordnung, Dinge einfach fließen zu lassen, ohne ihnen eine edukative, kopfige, offizielle Grundlage zu geben? Wie abhängig bin ich eigentlich von Geld?

Wenn ich Geld im Übermaß hätte, wüßte ich sofort, was ich tun würde. Ich würde diesen Musikschuljob nicht antreten am Montag. Stattdessen würde ich ein großes Haus am See kaufen und dort (mindestens) ein großes Musikzimmer einrichten und dann würde ich mir Leute einladen, mit denen ich gern spiele – und spielen. Spielen, spielen. Kleine, feine Hauskonzerte. Private und kommerzielle Aufnahmen. Proben für Konzerte. Mir den Publikumsgeschmack am Arsch vorbeigehen lassen. Authentisch bleiben im Barock, das geht auch auf modernen Streichinstrumenten. Lieder schreiben, Lieder über Lieder. Gedichte sammeln, die mich zur Vertonung reizen und die Autoren auf einen Tee einladen, um mit ihnen auf Tuchfühlung zu gehen. Workshops für Musikamateure abhalten, Chöre mal ein Wochenende proben lassen. Unterrichten, wen ich will. Unterricht nehmen, bei wem ich will. Ich würde ein offenes Haus aufbauen, in dem ein Kommen und Gehen herrschte von Leuten, denen tatsächlich das Musizieren am Herzen liegt – nicht die Selbstdarstellung.

Das will ich. Ich bestelle es hiermit. Hörst Du mich, Universum? Ich will finanziell unabhängig genug sein, um mich musikalisch völlig frei bewegen zu können – zeitlich, räumlich, geldlich, personell. Und ich will das ganz allein schaffen und nicht meinem Mann, mit dem ich bitte auch weiterhin sehr glücklich sein möchte, auf der Brieftasche liegen. Ich will jede Möglichkeit, Musik zu verbreiten, bedenkenlos nutzen können. Bitte sag mir Bescheid, wann ich einen Lottoschein ausfüllen sollte. Vielen Dank.

18. Dezember 2010

Jahresrückblick und Lieblingsweihnachtsmucke

So – Weihnachten ist ja fast da, und da ich außerdem morgen Geburtstag habe, finde ich das einen guten Zeitpunkt, um Amalas Jahresrückblick aufzugreifen, was ich hiermit tue. Ich habe noch einen Punkt eingefügt: Beruf.

FAMILIE
Hier viel Schönes (meine Hochzeit) und viel Trauriges (der Hund ist gestorben und noch einiges).

GESUNDHEIT
Im Frühling eine ewige Blasenentzündung und vor Kurzem eine richtig schöne Bronchitis, aber sonst ging es mir super.

BERUF
Hat sich nichts geändert, nur mehr Ehrenamtliches. In letzter Zeit allerdings kämpfen sich neue Ambitionen in mir frei und vorgestern erhielt ich auch ein interessantes Angebot für einen kleinen, musikalischen Nebenjob.

KREATIVITÄT
Da hat sich viel geändert. Ich habe wieder angefangen, Gedichte zu schreiben. Ich habe viel gestrickt, ein bißchen gemalt (ohne Komplexe, was das Neue daran ist) und vor allem: ich habe angefangen, Lieder zu schreiben. Das ist mir unheimlich wichtig geworden.

SPIRITUALITÄT
Hat sich auch einiges getan. 🙂

INTELLEKTUALITÄT
Hm – das hängt ja auch alles irgendwie zusammen. Ich habe bewußt Dinge gelernt und begriffen, die ich auch spirituell, kreativ erfahren habe. Ich schätze mal, intelligenter bin ich nicht geworden.

KONSUM
Wolle. Farben. Bücher.

ESSEN & TRINKEN
Sehr bewußt. Immer noch nichtmilitant vegetarisch, mit unverändert viel Begeisterung dafür. Ich kann mich in Obst und Tomaten förmlich hineinlegen. Ich backe seit diesem Jahr mein eigenes Brot im neuen Freund Broti, teils aus Backmischungen, teils nach Rezept.

ZUM ERSTEN MAL GEMACHT
Geheiratet. Ein Grab zugeschaufelt. Zufrieden genickt beim Anblick eines eigenen Werkes.

LEIDER NICHT GEMACHT
Spinnen gelernt. Tanzen und Reiten gegangen.

ALBUM ODER SONG DES JAHRES
Song: Praan von Garry Schyman
Album vielleicht „Firedance: Songs for Winter Solstice“ von Jayia. Wobei das auch schon letztes Jahr mein totaler Liebling war. Außerdem einige besonders schöne Soundtrack-Einzeltitel wie diese beiden.

LIEBLINGSORTE IN DIESEM JAHR
Die neue Wohnung. Der Wald zwischen Wohnung und Zoo und das Wolfsgehege.

ERKENNTNIS DES JAHRES
Planung ist sinnlos.

DREI BESONDERE HIGHLIGHTS
Mein erstes eigenständiges Konzert mit meinem Chor. Meine Hochzeit. Meine ersten selbstkomponierten Lieder.

DREI SCHRÖCKLICHE TIEFPUNKTE
Felix‘ Tod. Mein kurzer Versuch, ins Schulwesen zurückzukehren. Noch etwas noch zu Privates.

DREI PLÄNE FÜR’S NEUE JAHR
Meiner Kreativität freien oder wenigstens freieren Lauf lassen. Eine Möglichkeit für einen Zuverdienst oder eine bessere Stelle finden. Familie gründen.

2010 IN WENIGEN WORTEN
Chaotisch wie immer.

Und nun möchte ich Euch noch ein paar meiner absoluten Lieblingsweihnachtslieder anempfehlen. 🙂 Teilweise sind es eher Winterlieder, aber egal.

Zunächst: There ist no rose of such virtue. Schon der Text ist wunderschön. Und es gibt zwei total unterschiedliche und gleichermaßen umwerfend schöne Versionen davon: eine für Oberchor und Harfe, aus der Ceremony of Carols von Benjamin Britten (ohnehin ein echter Meilenstein der Musikgeschichte, so klein und unauffällig der Zyklus auch wirken mag) und eine zweite, leicht orientalisch angehauchte, von Sting, die auf seinem Album If On A Winter’s Night zu hören ist.

Here we go – der Britten in einer leider etwas unausgewogenen Aufnahme, aber mit einem guten Frauenchor (ich stehe so auf gute Frauenchöre…):

Zu meinen weiteren Lieblingsstücken zählen die Volkslied“klassiker“ Ostdeutschlands, die ganz ohne das Christkindl auskommen: Die Nacht ist kalt und klar, Oh Tannenbaum Du trägst ein‘ grünen Zweig und Tausend Sterne sind ein Dom.

Der Tannenbaum:

Tausend Sterne in einer wirklich historischen Aufnahme (ich finde sie eigentlich schrecklich – diese marschmäßige Schulchor-Stimmgebung… brrr)

Von der kalten und klaren Nacht habe ich leider keine Aufnahme gefunden. Hmm… davon habe ich mal einen Frauenchorsatz geschrieben, vielleicht sollte ich den mal aufnehmen. 😉

Vom „Tannenbaum“ gibt es übrigens auch unterschiedliche Textversionen der dritten Strophe. Statt
Und der mich kann versorgen,
das ist der Erde Schoß,
der läßt mich wachsen und grünen,
drum bin ich stark und groß.

gibt es auch eine christianisierte Fassung:

Und der mich kann versorgen,
das ist der liebe Gott

Was natürlich reimtechnischer Unsinn ist.

Zu meinen englischsprachigen Lieblings chistmas carols schreibe ich dann nächste Woche, sonst lädt dieser Beitrag gar nicht mehr zu Ende vor lauter Videoverlinkungen.

25. Oktober 2010

Kirchenaustritte in Finnland

Ist das nicht nett?

Schon mit den Mißbrauchsskandalen (wann war das doch gleich? ja, da war doch was?) in der katholischen Kirche war ich der Meinung, jemand, der wahrhaft christlich wäre, müsse aus Protest die Kirchenzugehörigkeit aufgeben. Schon aus religiösen Gründen – sich an Kindern zu vergreifen ist ganz einfach das Gegenteil von Nächstenliebe – und auch aus kirchenpolitischen, denn eine solch große Organisation ändert ihren Kurs und ihre Handlungsstrategien nur, wenn irgendwo der Schuh drückt. Bei massenhaften Austritten überzeugt gläubiger Christen mit der Begründung „unsere Religion und unsere Kirche passen nicht mehr zusammen“ würde er gleich an mehreren Stellen drücken: Peinlichkeit, Kirchensteuer, Argumentationszwang.

Nun, diese Leute in Finnland sind Protestanten. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen. Da gibt es homosexuelle Pfarrer und Pfarrerinnen, und dann wird das öffentlich als Sünde bezeichnet. Wie geht das? Und natürlich, wie mein Mann richtig bemerkte, treten auch nur deshalb so viele Leute aus, weil das ganz einfach über ein Onlineformular zu erledigen ist – hierzulande ist offenbar schon die Mühe, ein Anschreiben zu verfassen zu viel, ganz zu schweigen von der Belastung, einem („seinem“) Priester vielleicht persönlich Rede und Antwort stehen zu müssen. Daher meinte mein Kerl auch, das cleverste wäre, wenn schwule Katholiken eine eigene Homepage hätten, die dem geneigten Austreter das verfassen des Austrittschreibens abnähme. Muhahaha.

Was mich an dem TAZ-Link wieder tierisch nervt, sind die Kommentare unter dem Artikel. Leute! „Religion ist sowieso bullshit“ ist KEIN Argument in einer Diskussion, in der es um die KIRCHE geht. (Entschuldigt, bei sowas werde ich zum Großbuchstabenschreiber. Manchmal entdecke ich in mir sogar eine ungute Neigung zu Mehrfachsatzzeichen. Die dunkle Seite der Macht wird immer stärker.) Religion ist ein eigentlich völlig indiskutables Thema. Wer an etwas glaubt, glaubt daran und fertig. „Du glaubst aber falsch“ ist eine völlig hirnrissige Einstellung, denn für jemanden, der an etwas glaubt, sind Glauben und Wissen dasselbe. Und dennoch werden hier immer und immer wieder Inhalt und Form verwechselt und nach Belieben ausgetauscht. -.-
Eine völlig andere Sache dagegen ist der Zusammenschluß vieler Menschen mit einer ähnlichen Weltsicht in einer Organisation, die ihnen einen Leitfaden vorgibt und die von ihren Mitgliedern nach außen repräsentiert wird. Insbesondere, wenn eine solche Organisation die gigantischen Ausmaße der unterschiedlichen christlichen Kirchen annimmt. Natürlich ist schon allein aufgrund ihrer Größe die Kirche (welche auch immer) auch eine politische Macht. Daher sollte sie Dinge mit Bedacht tun und aussprechen und eigentlich vor solchen Kurzschlüssen mit ihren Mitgliedern Rücksprache halten, damit man sich auf einen gemeinsamen Konsens einigen kann. (Natürlich sollten Politiker das auch tun, aber andere Diskussion.)

Ach verdammt, über dieses Thema könnte ich stundenlang predigen. Vielleicht hätte ich doch Pfarrer werden sollen, wie der Berufseignungstest geraten hat. Wenn ich nur die richtige Religion hätte…

12. Oktober 2010

Seltsames Ich

In letzter Zeit habe ich irgendwie ein Problem mit Nahrungsaufnahme. Ich bin ein normalerweise sehr verfressener Mensch. Ich bin zwar Vegetarierin, inzwischen nach glücklichem Ausgleich meines Eisenhaushaltes auch wieder sehr konsequent, aber ich esse eigentlich sehr gerne Joghurt, Schokolade, Massen an Obst und Tomaten (*Sucht*). Da ich überdies Götterseidank ziemlich groß bin, fällt das nicht gleich auf – ich darf 20 Kilo mehr wiegen als normal große Frauen und sehe immer noch einigermaßen schlank aus. 😀 Aber in letzter Zeit kann ich mich zu den meisten Mahlzeiten kaum noch überwinden.
Es begann damit, daß ich gegen bestimmte Dinge einen leichten Abscheu entwickelt habe. Dosenfisch. Wäh. Chips, Salzstangen und Co. Wäh. Mittlerweile ist es so weit, daß ich nur noch am Wochenende mit meinem Mann frühstücke, weil es einfach eine schöne gemeinsame Sache ist, aber ich muß mir mein Brötchen wirklich hineinüberreden. Mittags nur maximal eine Yumyum, die ich fast nicht schaffe, und selbst als mir von diesem reichhaltigen Mahl gestern Abend richtig der Magen geknurrt hat, konnte ich mich nur schwer überwinden, den Flammkuchen zu essen, den es gestern zum Abendbrot bei uns gab.
Selbst von einer Tasse Tee fühle ich mich manchmal schon übersatt. Jetzt gerade zum Beispiel – ein leckerer Lemongras-Vanilletee war mein Frühstück, und nach der halben Tasse paßt nun einfach nichts mehr rein. Mir ist, als müßte ich meinen Körper komplett abschirmen und verpanzern gegen alles von außen kommende. Strange.

Naja, ich gehe jetzt erstmal ans Klavier ein bißchen was tun. Dann muß ich meine Chorprobe heute vorbereiten. Und da ich die nächsten 3 Donnerstag Abende freihabe, habe ich meinem Vater versprochen, in seinem Chor zu assistieren, denn er hat sich repertoiremäßig ein bißchen übernommen. 😉 Aber zu zweit wird das alles gehen. Und dann backe ich heute ein Brot, mal aus richtigem Mehl und keiner Backmischung – vielleicht animiert das ja meine Essgelüste.

9. Oktober 2010

Noch ein bißchen Wochenend-Lesestoff für Euch

Mein Kerl, der mich politisch immer auf dem Laufenden hält, schickt mir immer wieder interessante Links zu Themen, die mich interessieren.
Als überzeugte Baumkuschlerin finde ich diesen Artikel auf dem Spiegelfechterblog zum Thema Stuttgarter Bahnhof ungemein interessant, äußerst informativ und in mancher Hinsicht schockierend.

Desselben Themas nimmt sich Dr. Gysi von der Linkspartei an in dieser knappen, aber sehr eindringlichen Rede. Ich wähle die Linken zwar nicht, halte diesen Mann aber für nicht nur einen begnadeten Rhetoriker, sondern auch für einen Politiker mit Integrität. Für einen von dreien, von denen ich das behaupten würde, und die anderen beiden sind aus dem politischen Dienst ausgeschieden. Er setzt sich auch seit Jahren vehement dafür ein, das Hartz-IV-Gesetz zu ändern und schlägt in der oben verlinkten Rede einen interessanten Bogen: Das Kindergeld für Hartz-IV-Empfänger soll gestrichen werden, aber die 10 Milliarden verschwendetes Geld für ein völlig sinnfreies und sogar gefährliches Bahnhofsprojekt sind da? Er warnt die Regierungskoalition davor, weiterhin Politik über die Köpfe der Bevölkerung hinweg zu machen, da sie damit „unkontrollierbare Prozesse“ in Gang setzen würden. Denkt man den Gedanken zu Ende, erreicht man einen Bürgerkrieg.

Stellt Euch doch mal vor, alle Arbeitslosen würden dafür auf die Straße gehen, menschenwürdig leben zu dürfen – nicht von 350 Euro im Monat, in deren kürzlich beschlossener Erhöhung nichtmal eine realistische Teuerungsrate enthalten ist. Und alle, die durch das Raster fallen mit ihren 1-Euro- oder 400-Euro-Jobs. Stellt Euch die Millionen von betroffenen Menschen vor, wenn sie sich mal wirklich für ihre Anliegen stark machen. Mich beunruhigt der Gedanke, daß in der Politik von vornherein nicht davon ausgegangen wird, die Bevölkerung, die Betroffenen in Entscheidungen miteinzubeziehen oder sie in manchen Fällen auch nur transparent zu informieren.

Und, wer von Euch dieses Wochenende mal was anderes als Musik hören möchte, dem empfehle ich die ohnehin immer empfehlenswerten Podcasts des Chaos Computerclubs bzw. von Tim Pritlove, der auch ein Händchen für interessante Gesprächsparter hat. Für mich besonders beeindruckend aus gesellschaftlich-politischer (und für mich persönlich damit auch spiritueller) Sicht waren dieser mit dem Titel „Mut zur Freiheit“ (Ein Versuch den Zusammenhang von Angst, Freiheit, Gesellschaft und Solidarität zu verorten), dieser Beitrag der „Gesellschafter“, ein Interview mit Götz Werner und dieser mit dem Titel Freiheit statt Angst (über die jährlichen Demos in Berlin).
Auf den verlinkten Seiten könnt Ihr die Podcasts frei herunterladen und dann wie ich beim Autofahren hören oder so. Für mich ist es vor allem immer wieder ein Trostpflaster, ein Gegenpol zu den immer absurder werdenden tagespolitischen Strömungen.

Und keine Angst, ich werde dieses Blog nicht auf Dauer in ein Polit-Blog verwandeln. 🙂 Zum Beweis: Ein Podcast über World of Warcraft.
Aber manche Dinge liegen mir wirklich sehr am Herzen.

22. August 2010

aufmerksam machen

Hallo, lieber Leser. Ja, Du. Du, der Du – oder vermutlich bist Du eher eine Sie – „Strickanleitung für Hunde“ gegoogelt hast. Es gibt offenbar eine grundlegende Sache, die Du über Hunde noch nicht weißt. Hunde haben einen ebenso gut (wenn nicht besser) ausbalancierten körpereigenen Temperaturhaushalt wie Menschen. Die Wohlfühltemperatur von Hunden liegt außerdem deutlich niedriger als unsere, und zwar zwischen +12 und +19 °Celsius. Hunde haben sogar, im Gegensatz zu den meisten Menschen, ein Fell, auch zwischen den Zehenballen und ganz besonders am Torso. Dieses Fell ist seit Millionen von Jahren dafür zuständig, den Hund im Winter zu wärmen. Ein frei lebender Wolf ist noch nie dabei beobachtet worden, wie er versucht, das eigene Fell zu verdicken durch die Zugabe einer weiteren künstlichen Schicht, daher würde ich mal davon ausgehen, daß Dein Hund das nicht nötig hat.
Und noch schlimmer: Solltest Du Deinem Hund im naßkalten Winter tatsächlich etwas niiiiedliches Selbstgestricktes anziehen, wird sich unter diesem Machwerk Verdunstungsfeuchtigkeit absetzen. Um das Prinzip zu testen, kannst Du Dir ja selbst mal im Winter einen Schal vor Mund und Nase ziehen und abwarten, wie lange es dauert, bis der von innen naß ist. Diese Verdunstungskälte unterkühlt Deinen Hund, und zwar genau da, wo es wehtut: an Brust und Bauch = an Herz und Lunge und den inneren Organen.
Wenn er also hustend und im schlimmsten Fall an einer Lungenentzündung leidend darniederliegt, ist es Deine Schuld – nicht, weil der niiiiedliche Strickpulli nicht dick genug war, sondern weil er überflüssig, unnatürlich und schädlich ist. Bitte nutze Google für andere Suchbegriffe. Meine Vorschläge wären „artgerechte Hundehaltung“, „artgerechte Hundeernährung“ und „Hundeschule in meiner Region“. Tu Deinem Hund einen Gefallen und laß ihn mehr Wolf als Mensch sein – Du willst ja auch nicht nackt in einer Höhle leben und rohes Fleisch fressen, wie er es am liebsten täte.

Nun zum eigentlichen Grund für meinen heutigen Blogeintrag: Personalized Cause. Ein Mitglied des Forums The Parish schrieb, daß jemand aus ihrem Freundeskreis schwer erkrankt sei und sie daraufhin nach Mutmachern gesucht und diese Seite gefunden habe. Ich finde diese Seite im Prinzip sehr interessant, aber auch nicht ganz unproblematisch, wie ich auch im Forum antwortete:
Ich lebe in der Überzeugung, daß Energie der Aufmerksamkeit folgt. Auf diese Art – „Anti-Tobacco Wristbands“, „Murder Victim Wristbands“, „Breast Cancer Wristbands“ – wird die Aufmerksamkeit immer und immer wieder auf die Ursache des Unglücks gelenkt. Ich halte es daher vom energetisch-magischen Standpunkt sogar für schädlich- die ganze Familie arbeitet darauf hin, daß die Krankheit im Leben des geliebten Menschen ein Thema bleibt und macht dieses Thema stärker und stärker. Ich verabscheue auch diese Aids-Schleifen, muß ich ehrlich sagen. Vielleicht gäbe es weniger Aidskranke, wenn sich die coole, politisierende Jugend stattdessen Kondome an die alternativen Rucksäcke pinnen und damit die richtige Sache ins Zentrum des Bewußtseins rücken würde… 😛

Ich würde es viel schöner finden, wenn es einfach grüne Schleifen gäbe, die dann Healing Wristband hießen, oder bunte Forgiving Wristbands oder Stand up an live your life Wristbands… Du weißt, was ich meine.

Ich kann es auch so gar nicht leiden, wenn Leute immer und immer wieder erklären, welche Mißstände es überall gäbe, dabei aber keinerlei Lösungsvorschläge anbieten, ja, nicht einmal selbst im (vorgeblich) eigenen besseren Sinn vorbildhaft leben. Man kann sich ja nicht wehren – die Gesellschaft gibt einem ja vor – ich alleine kann doch sowieso nichts ausrichten – das bringt ja doch nichts – und dann fleißig weiter mit der Masse konsumieren, sich möglichst im Eigennutz durch’s Leben lavieren, aber eine Aidsschleife an den Rucksack pinnen und ein Bildchen von Che Guevara an die WG-Tür.
Okay, ich bin jetzt ganz schön vom Thema abgekommen. 🙂

Jedenfalls finde ich wir sollten mal die Dinge ins Zentrum unseres eigenen und damit nach und nach des gesamten Bewußtseins rücken, an denen uns viel liegt. Energie folgt Aufmerksamkeit. Wohin will ich meine Energie schicken? Zu Krankheiten, Atomstrom und Pädokriminalität? Gut, schmücken wir die Rucksäcke und Autoscheiben mit Aidsschleifen, Ak-nein-danke-Stickern und Todesstrafe-für-Kinderschänder-Aufklebern (über diesen abartigen Spruch habe ich glaube ich schonmal vor einem Jahr geblogt).
Oder richte ich meine Energie auf das eigentlich zu erreichende Ziel – Gesundheit, Solarenergie, gesundes Getreide, unbeschwerte Kinder? Dann bitte: Sticker mit lachender Sonne drauf, Aufkleber vom Netzwerk für gesunde Kinder oder das Logo vom Bioladen Deines Vertrauens auf der Heckscheibe. Nachhaltigkeit zu leben bedeutet zuallererst, nachhaltig zu denken. Denkt vorwärts – wir denken immer das, was kommt. Wir haben jetzt das, was wir früher gedacht haben. Wir werden später das erreichen, was wir heute ausstrahlen. Ein gleichzeitig beängstigender und ermutigender Gedanke, nicht wahr? Also machen wir doch das Beste daraus.

29. Juli 2010

Parkschützer

Nur ganz kurz, aber meines Erachtens wichtig:

Bei Weidenfrau habe ich diesen interessanten Beitrag gelesen. Der Stuttgarter Schlossgarten soll einem über etliche Jahre angelegten Bauprojekt zum Opfer fallen. Bei der Weidenfrau gibt es auch entsprechende Wiki-Links.
Wer den Park schützen möchte, kann dies tun, indem er sich öffentlich auf dieser Seite zu diesem Zweck registriert. Wer in der Nähe von Stuttgart wohnt und vielleicht ein besonderes persönliches Verhältnis zur Stadt und zum Schlossgarten hat, kann sich sogar für weitergehende Aktionen eintragen lassen.

Und für alle, die sich fragen, warum ich an einer Aktion teilnehme, die eine Stadt betrifft, in der ich noch nie war und zu deren Stadtpark ich nicht die geringste Beziehung habe: Weil ich es unglaublich wichtig finde, wenigstens ein Mindestmaß an natürlichem Lebensraum für Vögel, Kleintiere und (!) Menschen in jeder Großstadt zu erhalten. Wer mal einige Zeit im größtenteils unglaublich häßlichen Berlin verbracht hat, weiß, was ich meine. Und wer vergleichsweise einige Zeit in z.B. Wien verbracht hat, weiß, wie wichtig Grünanlagen sind.
Ich bin der festen Überzeugung, daß es in schönen, gesunden, lebensvollen Städten weniger Depressionen, Aggressionen, weniger Übergriffe gegen Kinder und dafür mehr Kreativität, mehr bewußten Umgang mit der Natur und mehr positive Entwicklung in persönlichen und gesellschaftlichen Bereichen gibt. Ich kann das nicht verifizieren, aber mal ganz plump ausgedrückt: Wernigerode blüht, Schwedt stirbt.

22. Juni 2010

Wieder da, Bloggeburtstag und Massengrübeln

Ich bin wieder da, nach fast einer Woche nix schreiben. Und ich hatte leider überhaupt keine Zeit, mir zum ersten Geburtstag meines kleinen Blogs etwas Besonderes für Euch auszudenken. Mal sehen, vielleicht hole ich es noch nach, aber eigentlich ist das dann ja nicht das gleiche.

Heute – gerade eben – habe ich die letzte Kiste in der neuen Wohnung ausgepackt. Nicht, daß das schon alles wäre – weitere Kisten folgen. Aber natürlich nur, wenn uns wieder leere zur Verfügung stehen, was jetzt der Fall ist. Heute mache ich aber nicht mehr viel, denn ich muß arbeiten.
Und auf der Arbeit werden die Kollegen mit Sicherheit wieder Fußball schauen, während die Vorstellung läuft. Das können sie ruhig tun, denn wir sind akustisch vollkommen abgeschottet und der Job des Aufpassens liegt bei mir. Und wenn ich dann nach 23 Uhr den 90minütigen Heimweg antrete, wird es erst richtig lustig.
Die Erfahrungen der Tage seit WM-Beginn zeigen mir, daß alle Menschen, ob zu anderen Zeiten notorische Fußballgucker oder nicht, in dieser Zeit mit Tröten und Fähnchen bewaffnet – und in der Gruppe stark – in ihrem Verhalten ebenso unberechenbar wie unerträglich werden. Aus der S-Bahn aussteigen zu wollen, vor der eine laut trötende Gruppe sich zusammenpulkt, weil alle gleichzeitig als erste einsteigen wollen, trägt einem schon Schläge und Knüffe ein. Leute, die sonst ein kleines, unauffälliges 9-to-5-Leben führen und sich in jeder Hinsicht austauschbar geben, pflastern plötzlich Autos, Fenster und Gartentore mit Deutschlandfahnen zu. Nun gut, auch damit machen sie sich wieder austauschbar, aber ich muß dennoch gestehen, das finde ich etwas beängstigend.
Nicht die Fahnen. Ich finde es traurig, daß kein Deutscher mehr sagen kann, er würde seine Heimat lieben, ohne sofort als möglicher Nazi abgestempelt zu werden. Nun, ich liebe meine Heimat. Allerdings meine ich damit nicht wirklich Deutschland, sondern ganz konkret die Region in der ich aufgewachsen bin und nun wieder lebe. Ich liebe diese Wälder, die sanften Hügel, die vielen Seen, die kleinen Dörfer, den Dialekt, das Wetter und das Licht. Aber ich würde mir deshalb nie eine Deutschlandfahne ins Fenster hängen, denn die ist ein politisches Symbol und das ist eine ganz andere Diskussion. Auch ich gönne dem deutschen Team den Sieg, wenn sie gut spielen, aber nicht nur, weil sie zufällig in demselben Land geboren wurden wie ich. Und auch das finde ich keinen Anlaß, eine Flagge zu schwenken und auf den Sommerfesten christlicher Einrichtungen schwarz-rot-goldenen Kuchen zu reichen, wie am vergangenen Wochenende gesehen. Da denke ich doch: wtf?!? Und das von Menschen, die sonst nie etwas mit Fußball am Hut haben? Warum drehen die frei? Ist es wirklich so toll, mit einer gigantischen Masse Fahnenschwenker mitzuschwimmen? Ist dies unser einziges Ventil für Heimatgefühle? Unsere einzige Möglichkeit, unser Selbstbewußtsein als Bürger unseres Landes auszuleben, das uns von Kindheit an konsequent mit schlechtem Gewissen vergrätzt wurde? Ist es nötig, diesen Hype mitzumachen, um sich als Deutscher wohl zu fühlen? Oder ist es – was ich befürchte – eine vollkommen unbewußte Welle? Kaufen alle den Fußballfankram, weil alle anderen auch den Fußballfankram kaufen? Denkt denn hier niemand wirklich eigenständig? Mich erschreckt hier nicht die geschwungene Flagge, sondern dieses Herdentierverhalten. Mich erschreckt, wie leicht diese Welle so hoch schlägt und für wie normal das von allen gehalten und belächelt wird. Wenn eine WM es schafft, jeden sinnvollen Gedanken zugunsten grölender Aufmärsche zu verdrängen, was schafft es dann noch und für wen oder was würden diese Massen noch das Fähnchen schwenken?

2. Juni 2010

Juni

Der Fliegendreck im Bild soll ein Scheiterhaufen Sonnwendfeuer sein. Ich wollte eigentlich noch kleine Strichmänneln machen, die drumherum tanzen, aber hab’s mit der Kreide einfach nicht so hingekriegt. Also habe ich gemalt, wie sie alle met-trunken im hohen Gras verschwinden. Wie man deutlich sieht. 😀

Heute habe ich eine Girlgroup gegründet mit 2 Frauen, mit denen ich schon einige Male gemeinsam gesungen habe. Nach dem letzten gemeinsamen Konzert haben wir beschlossen, ab sofort nicht mehr nur zu singen, wenn irgendein Kirchenkonzertorganisator noch Lückenfüller braucht oder ein Gottesdienst eine musikalische Untermalung, sondern völlig ziellos, zwecklos, einfach nur, weil miteinander zu singen uns solchen Spaß macht – unregelmäßige Treffen, je nachdem, wie wir Zeit haben und dann einfach nur Singen, um zu singen. Es wird klassisch, und kaum hatten wir angefangen, Literatur zu sichten, fielen uns schon wieder drei Gelegenheiten ein, bei denen wir unbedingt auftreten wollen. 😉 Soviel zum Thema „nur für uns“.

Nach der Singerei habe ich der einen Singefreundin noch meine neue Wohnung gezeigt und ihr ist dabei das Täschli von Amala aufgefallen. Also habe ich ihr einen leckeren schwarzen Chai gemacht, während sie mich ausfragte, was hinter der Internetadresse steckt, die auf der Innenseite eingestickt ist. Diese Freundin ist evangelisch und nicht nur tief fromm, sondern auch recht streng mit sich selbst in vielen Belangen, die christliche Gebote betreffen. Daher wurde es ein höchst interessantes Gespräch zum Thema Religion, bei dem ich zum ersten Mal, seit wir uns kennen, Gelegenheit hatte, meine Sicht der Dinge mal etwas darzulegen. Das ist natürlich nicht ganz so einfach wie zu sagen „ich bin Muslimin“ oder „ich bin Sufi“, was zumindest am Rande in jedem Bewußtsein kein kleines „alles klar“ auslösen würde. Was Naturreligionen betrifft, gibt es einfach zu wenige (vernünftige) allgemein verbreitete Informationen, auf die man zurückgreifen kann, und auch kaum inhaltliche Grundsätze, die auf alle naturreligiös interessierte Menschen zutreffen. Und vielen esoterischen Dingen, die ich so lese und höre, will ich mich auch auf keinen Fall anschließen. Ich habe schließlich zusammenfassend erklärt, daß eigentlich alle, ob sie nun ein Pantheon anbeten oder Mutter Erde, ob sie einer sogenannten Tradition angehören oder ihr eigenes Ding machen, zwei Grundsätze für wichtig erachten: Achtung vor und respektvoller Umgang mit der Natur, und der Glaube an einen schöpferischen Geist. Ab diesem Punkt war meine Freundin leicht überfordert und meinte, das sei für sie zu wenig fassbar und zu schwammig. Für sie müsse eben ein roter Faden da sein, der einen durch das Leben leitet, wie es die Bibel tut. Und ich meinte darauf, die Bibel hätte ich noch nie (ich habe mich mit 14 taufen und konfirmieren lassen, mein erster Schritt in Religionen überhaupt) wirklich respektieren können, weil sie mir so zusammengestückelt vorkommt und mit Sicherheit nicht alles umfaßt, was Jesus gesagt, gelehrt, erlebt hat und was tatsächlich ein Leitfaden wäre. Zudem wird sie interpretiert von geistlichen Vertrauenspersonen, die einer Institution angehören, die meiner Meinung nach die Grundsätze der eigenen Religion untergräbt. Dies alles würde mich viel eher (ver)zweifeln lassen als das Fehlen eines ohnehin nicht sehr haltbaren Leitfadens – statt dessen habe ich meine eigenen Erfahrungen und verlasse mich auf meinen Verstand und mein Gefühl.

Auch kann ich mit Schuld und Buße wenig anfangen, einer Sache, die für meine Freundin sehr wichtig ist, und die sie zu einem Menschen macht, der alles eigene Tun unendlich oft in Frage stellt dahingehend, ob es auch „richtig“ im direkten und übergeordneten Sinne sei. Ich glaube auch, daß alle Menschen fehlerhaft sind, aber ich glaube, die eigentlichen Fehler liegen ganz woanders, als wir sie vermuten. Welcher Mensch könnte es denn wagen, über die grundlegenden Charakterzüge eines anderen Menschen zu urteilen? Vielleicht lösen meine Fehler einen total notwendigen Lern- oder Heilungsprozess bei jemandem in meiner Umgebung aus und sind letztlich das Beste, was ihm/ihr passieren konnte. Nun ja, ich könnte noch ewig weiterschreiben – es war wirklich ein interessantes Gespräch -, aber es wird spät… Im Endeffekt glaube ich, jeder Mensch sucht sich eine Religion oder Weltsicht, die für ihn entweder die verstandesgemäß plausibelste ist oder die tröstlichste. Für mich ist es sogar beides. Ich halte Reinkarnation für die plausibelste Erklärung vieler Dinge, und ebenfalls für einen tröstlichen Gedanken – irgendwann werde ich mich daran erinnern, was ich mit diesem Leben bezweckt habe. Für die meisten Christen, die ich kenne, ist gerade das eine, einzige Leben die tröstlichste Sache. Man muß nur einmal alles durchmachen und geht dann für immer ein in Gott. Es ist letztlich egal, was man glaubt – Hauptsache, es vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit, Richtigkeit, Angenommensein, geistigem Nährboden und seelischem Zuhause.

Außerdem hatte ich das große Glück, für Amalas Schattenbuch-Projekt ausgelost worden zu sein und bin echt glücklich darüber. Ich finde das eine tolle Sache und freue mich schon wahnsinnig darauf.