Archive for ‘Spaß auf Rädern’

6. April 2011

Abenteuer Kommunikation

An der S-Bahn, die wartend auf dem Gleis steht, steht „bitte nicht einsteigen“, desgleichen an der Anzeige über dem Bahnsteig. Da ich dringend zur Arbeit muß und alle S-Bahnen dorthin von diesem Gleis fahren, frage ich die Mitarbeiterin auf dem Bahnsteig, warum man hier nicht einsteigen dürfe und ob da noch ein Zug fährt. Sie starrt mich von einem halben Meter unter mir an, als wäre ich der Hundehaufen, in den sie getreten ist, und sagt: „Sie könn‘ hier nicht einsteigen, weil (gestikuliert übernachdrücklich zum Zug, damit auch ich Idiotin es verstehe) dat da dransteht!“ Ich frage noch einmal, ob vielleicht demnächst eine andere Bahn in die Richtung ginge, und sie sagt tierisch entnervt und in doppelter Lautstärke, als wäre ich nicht nur dämlich sondern auch noch taub: „Natürlich geht da’n Zuch. (verdreht die Augen) Die Bahn da fährt ja auch, aber erst in’n paar Minuten, solange könnse da noch nicht einsteing. Steht doch dran.“ Und geht augenrollend davon.
Tja. Ich stand einige Sekunden grübelnd am Gleis, und gerade, als ich beschloß, wagemutig illegal die S-Bahn zu betreten, die man offenbar erst in einer Minute betreten darf, änderte sich auch das Anzeigeschild.

Dann spielte und sang ich auf der Arbeit ein wenig vor mich hin, bis der erste Schüler kam, (ich arbeite ja derzeit an mehreren Liedern gleichzeitig) da öffnet plötzlich die Musikschuldirektorin mit fragendem Blick meine Zimmertür und sagt: „Oh, Sie sind es doch. Ich dachte, hier unterrichtet jemand Gesang.“ 😀

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1. März 2011

Mate und Polizei

Da aufgrund des regen Interesses meines Mannes am CCC kürzlich Clubmate in unserem Haushalt auftauchte, möchte ich hiermit ein Fähnlein aufstellen für das echte Zeug – den guten Stoff. MATE. Der Link führt zu den wirklich informativen Informationen, ich bleibe bei den praktischen:

Man nehme ein Mate – ein kalebassenartiges Gefäß, auch wenn sie nicht immer aus Kürbissen hergestellt sind. Hier habe ich eines aus Holz und ein zweites aus Kürbis. (Das Plüschige außen an dem Kürbismate war mal etwas Plüschiges außen an einem Stier, auf das ich wirklich nicht näher eingehen möchte.) Dann nehme man die Yerba Mate, das Matekraut und fülle es etwa halb- bis 2/3-hoch in die Kalebasse. Während man darauf wartet, daß das Wasser kocht, wirft man einen Blick auf die mögliche „traditionelle“ Aufbewahrung des Krautes in einem Holzgefäß mit Holzdeckel – siehe Foto. Ich persönlich glaube, daß jemand, der regelmäßig Mate trinkt, sich nicht mit so kleinen Aufbewahrungsgefäßen zufrieden gibt, sondern das Zeug schlicht in einer Tupperdose oder wie ich in einer Teedose hat. Aber der Vollständigkeit halber sieht es für Touristenaugen so aus:
Auf den Deckeln, die ich vor das Doppelgefäß gelegt habe, steht „Azúcar“ bzw. „Yerba“, woraus wir lernen, daß es Leute gibt, die das Zeug mit Zucker versüßen. Das ist mir einfach unbegreiflich, aber ich trinke ja auch Cranberrysaft pur.
Wenn das Wasser kocht, läßt man es wieder ein wenig herunterkühlen, so auf 60°-80°, würde ich sagen. Dann gießt man die erste Mate auf. Erstmal bis zum Rand des Gefäßes, dann ein wenig warten, da das Kraut stark quillt, und dann wieder bis zum Rand, eventuell das Ganze noch einmal wiederholen. In Argentinien wird Mate oft in größerer Runde aus demselben Gefäß getrunken. Man läßt das Gefäß kreisen und gießt auf, einer trinkt leer, man gießt wieder auf und der nächste ist dran usw. Daher ist es dort Brauch, daß der Gastgeber die erste Mate trinkt – der erste Aufguß ist nämlich tierisch bitter. So ähnlich wie in Asien wohl der erste starke Aufguß eines grünen Tees weggeschüttet wird. Nun, nachdem das Kraut fertig gequollen ist, und wirklich erst dann, greift man zur Bombilla und stellt sie in das Gefäß. Die Bombilla ist eine Art Strohhalm aus Metall mit einem schaufelartig verbreiterten Ende, das man abschrauben kann, woraufhin es in zwei Teile zerfällt, die sich gut reinigen lassen. Und man sollte sie wirklich erst zum Trinken in das Mategefäß stellen, da andernfalls das Kraut in die Öffnungen der Bombilla quillt, was entweder zu totaler Verstopfung oder zu ekligen Kräuterstücken im Mund führt.

Tjaa… und nun geht es los. Schlürf… Lecker. Es bietet sich an, das Wasser in einer Thermoskanne zu behalten, da so eine Materunde durchaus länger dauern kann und soll. Es gibt zwar einige heiße Regionen in Südamerika, in denen man Mate auch kalt trinkt, aber ich finde das eher ähbäh. Dazu reicht man in Argentinien gerne Süßspeisen, die den Namen auch wirklich verdient haben. Was diese Leute aus Dulce de Leche machen, bräuchte teilweise einen vom Zahnarzt ausgestellten Waffenschein.

Ich schlürfe noch ein wenig weiter und erzähle derweil von meinem gestrigen Tag. Ich hatte erst eine Vormittagsvorstellung und bin dann von dort aus direkt in die Musikschule gefahren. Ich liebe Kindervorstellungen im Theater, weil immer im Applaus die „Guten“ bejubelt und die „Bösen“ ausgebuht werden. Ich finde, das gibt es viel zu selten im richtigen Leben.
Jedenfalls kam ich in die Musikschule, wo meine Direktorin mich freundlich lächelnd darüber informierte, daß ich eine neue Schülerin hätte. Ab sofort. Och nett, dachte ich – immerhin hatte ich deutlich gesagt, daß es Dinge gibt, über die ich vorher informiert bzw. überhaupt erstmal gefragt werden möchte (nachdem ich eine völlig unvorbereitete Probestunde mit 2 Kindergartenkindern machen mußte, was mir mangels Erfahrung einfach nicht leicht fällt) und auch, daß ich keine weiteren Schüler nehmen will. Aber ich hatte immer eine halbe Stunde Pause in meinem Montag, und die war nun zu. Nun gut, dachte ich, wenn Du schonmal da bist, kannste auch Geld verdienen und die Direktorin meinte, das Kind sei talentiert und intelligent und habe sehr interessierte Eltern – drei Punkte auf der Pro-Skala, die nur noch ein einziger von meinen anderen Schülern erfüllt.
Das Kind war tatsächlich klug, fähig, lieb und hatte eine ziemlich coole Mama dabei, also behalte ich sie gerne. Das lernbehinderte Kind war wieder furchtbar lernbehindert. Ich habe die gesamte Stunde damit verbracht, ihr die Tastennamen beizubringen. Nur weiße Tasten, und das nach über einem Jahr Klavier. C D E F G A H C. Und jedes Mal verwechselte sie A und H. Ich korrigiere, sie wiederholt richtig „ach ja: A-H“ und wir machen die Tonleiter noch einmal. Falsch. Ich sage: Guck mal, das H ist der Nachbar vom C, die gehören zusammen. Sie nickt, wir wiederholen, falsch. Irgendwann rückt sie damit heraus, daß sie sich das Wort „Hase“ merkt. Ich verstehe zwar nicht, wie sie darauf kommt, aber ich sage, es muß wie „Aha“ klingen. Da sagt sie: Oh gut, das reimt sich. Ich denke an Randy. Und nach dieser Stunde bin ich zum ersten Mal (obwohl ich das seit über einem Monat tun will) zu der netten Mama von dem langsamen Kind gegangen und habe ihre wöchentliche Frage „Alles in Ordnung?“ mal nicht mit „Klar“ beantwortet, sondern mit „Ja, aber – Ihre Tochter lernt extrem langsam.“ Schluck. Ich weiß, sowas hört man als Mutter nicht gerne. Ich wollte auch nicht hören, daß mein Hund schlecht erzogen sei, selbst wenn er noch Kuchenkrümel an den Lefzen hatte. Aber ich mußte einfach wissen, ob da irgendwas diagnostiziert sei und tastete mich deshalb vorsichtig vor und fragte, ob das in der Schule womöglich auch schon aufgefallen sei. Die Mutter meinte nein, nie, und Töchterchen würde auch üben. Ich erwiderte, das Üben sei nicht das Problem, sondern das Begreifen im Unterricht. Ich habe einen Monat gebraucht, bis sie sich gemerkt hatte, daß der Daumen der erste Finger ist. Mama verteidigte die Kleine und sagte, zu Hause könne sie schon zeigen, welcher Finger welcher ist. Ich verkniff mir, zu sagen: Ja klar, nach 2 Monaten Arbeit und vorher einem Jahr Unterricht bei jemand anderem möchte das auch endlich mal sein. Nun gut. Ich mag diese Mutti, aber fürchte, mein Sympathiebonus ist stark geschrumpft.

Die verhaltensgestörte Schülerin, die auch noch den gleichen Vornamen trägt wie das langsame Küken, war wieder zu nichts zu gebrauchen. Schade – ich mag sie. Aber ich habe mittlerweile ein Bild von ihren Eltern, das alles erklärt. Sie kam vor drei Wochen nicht zum Unterricht, unentschuldigt. Da ich solche Stunden nicht bezahlt kriege, habe ich mich ziemlich gepestet. Vor zwei Wochen kam sie und ich wagte es den Vater zu fragen, was denn die Woche vorher gewesen sei. Er zuckte mit den Schultern und sagte, es sei nicht gegangen und man habe vergessen, Bescheid zu sagen. Ich schenkte ihm meine zynischste Augenbraue, mehr nicht. Letzte Woche überzog ich mit dem Schüler davor fast 10 Minuten. Dazu muß man allerdings wissen, daß ich allen Kindern, seit ich begonnen habe, dort zu arbeiten, eintrichtere, daß sie einfach reinkommen sollen, wenn ihre Zeit ran ist. Ich finde nichts schlimmer als einen Lehrer, der ständig auf die Uhr guckt und will mich auch nicht immer auf diese Art ablenken lassen. Nun ja, die Kleine kam nicht rein und der Vater war stinkig und ging zur Direktorin, um sich darüber zu beschweren, daß er nicht die Zeit bekäme, für die er zahlen würde. Schade, daß er damit nicht zu mir gekommen ist – aber eigentlich kein Wunder, denn meine zynischste Augenbraue ist schon was Wert. Als ich gestern dort ankam, meinte die Direktorin, das Mädchen würde heute früher ankommen um die Zeit von dem anderen Schüler zurückzukriegen (ich rolle manchmal meine Augen so weit hoch, daß der Sehnerv die Nasenscheidewand berührt) – worauf ich sie mal über die unentschuldigte Stunde informierte. Einfach als Verhandlungsverbesserer, denn sie ist eine viel zu nachgiebige Frau bei solchen Eltern. Grummel.

Und dann kam ich nach 12 Stunden auf den Beinen und zusätzlich 20 verfrorenen Minuten wegen Zugverspätung zu Hause am Bahnhof an und wollte mir den Weg über den ganzen Bahnsteig, durch die Halle und über den ganzen Parkplatz ersparen und hüpfte schnell hinter 2 Jugendlichen über die Bahnschienen. Prompt liefen die Jungs zwei Polizisten in die Arme, die lautstark Stop und Herkommen riefen. Mein Versuch, mich unauffällig um die Hausecke zu drücken, schlug fehl – Hey Sie Da mußte auch antreten. Dann sollte wir die Personalausweise vorzeigen und die zwei Herren in Blau, die tatsächlich ein wenig wie Nobby Nobbs und Feldwebel Colon aussahen, gaben Dinge von sich wie „das hätte man sich auch sparen können“ (nun ja, aber wir wollten uns halt den Weg sparen) und warum und überhaupt. Die Jungs murmelten kleinlaut etwas vom Bus, der hier wirklich sehr knapp fährt und abends nur einmal pro Stunde kommt (Kackstadt, aber anderes Thema.) Ich dachte mir derweil, wenn man einem wütenden Hund gegenübersteht, helfen Beschwichtigungssignale, und ich sollte das vielleicht einfach mal ausprobieren. Ich drehte also meinen Kopf leicht weg (nicht in die Augen sehen…) und gähnte herzhaft hinter vorgehaltener Hand. Daraufhin knurrte Colon: „Das macht dann 25 Euro – beim nächsten Mal!“, gab mir den Perso wieder, es hätte von der Stimmung her nicht viel gefehlt und die Jungs hätten noch einen freundlichen Patscher auf den Popo bekommen, und mir wurde jovial angeboten, mir das spannende Fotoalbum anzusehen mit den Bildern von Leuten, die von Zügen erwischt wurden. Ich lehnte dankend ab und trottelte zum Auto, das den Göttern sei Dank nicht abgeschleppt war. (Ja, ich hatte auch noch halblegal geparkt.)

Mein Mann meinte später, das solle mir eine Lehre sein. Ja, *nick*, ist es. Hundesprache funktioniert!

11. Januar 2011

Spaß am Abend

Na also: nichts ist besser gegen schlechte Laune als mein Chor, wenn ich ihnen (der Russischgeneration) ein französisches und ein englisches Lied (beide neu) innerhalb einer Probe überhelfe. Einfach grandios. Kong sche boah dü wang kläreh. In Chorkreisen auch bekannt als „Tourdion“ von Herrn Attaignant bekannt. Bei youtube gibt es leider nur absolut grottige Aufnahmen davon, daher kein Link.

Morgen fahre ich für 5 Tage weg und werde mit großer Wahrscheinlichkeit in dieser Zeit nicht bloggen. Und ich freu mich wie verrückt auf die Reise. 🙂 Also – eine schöne Restwoche allerseits!

3. Dezember 2010

Dezember und Spaß mit Bahn

So, erst am dritten aber immerhin kommt hier das letzt Bild meines kreidegezeichneten Geburtstagskalenders:

Dann möchte ich heute mal ausdrücklich und ganz ohne Hintergedanken der Deutschen Bahn ein Lob und Dankeschön aussprechen. Nein, das ist kein Witz. Gestern hatte mein Zug zur Arbeit am Vormittag 10 Minuten Verspätung. Da ich extra eine Stunde früher fuhr, um mir meinen neuen Arbeitsvertrag (um den ich seit Juli gebeten hatte) abzuholen, ließ mich das ganz unberührt. Aber neben mir fing eine Frau wie ein Rohrspatz zu schimpfen an – sie hätte schon den Regionalzug vor 20 Minuten knapp verpaßt, weil der zum ersten Mal pünktlich gefahren sei, und jetzt müsse sie auch noch warten. Ob man denn nicht mal bei Schnee, wenn die Leute schwer zum Bahnhof kämen, wenigstens 2 Minuten warten könne. Sie warf noch Schlagwörter wie Service und dergleichen in den Raum. Ich hörte ihr ganz fasziniert zu – sie schaffte es tatsächlich, sich in ein und demselben Satz über Pünktlichkeit und Unpünktlichkeit bei der Bahn aufzuregen. Fantastisch.
Gut gelaunt ging ich in den Bahnhofsramschladen, um mich mit einer Tasse schlechten Kaffees (und vor allem weg aus der zugigen Halle) aufzuwärmen. Da der Zug mit 10 Minuten Verspätung angesagt war, ging ich nach 8 Minuten langsam Richtung Gleis, und dort pfiff die Schaffnerin gerade die Türen zu, als ich noch nicht einmal die Treppe hoch war. Und hier kommen mein Lob und Dank: Obwohl ich wegen Glätte und Kaffee nicht rennen konnte und am hinteren Ende des Zuges ankam, hielt der Zugführer nach 2 Metern Fahrt noch einmal extra an und öffnete die Türen für mich und eine Frau, die ebenfalls zu spät dran war. Ist das nicht total nett? Ich war den ganzen Vormittag gut gelaunt deswegen.

Dann auf der Arbeit war es schön – ich lernte ein neues Stück kennen, das so kitschig war, daß mir die Tränen in die Augen stiegen. Und als ich ein paar Techniker darüber reden hörte, daß keine S-Bahnen mehr fuhren, stürzte ich mich gleich ins Internet (ich brauchte die gesamte Stückpause dafür, denn dieser PC wird noch mit der Handkurbel betrieben) und nahm mir schließlich nach der Arbeit ein Taxi zum Bahnhof. Das war zwar teuer, aber zu Fuß braucht man schon im Sommer etwa 25 Minuten, und soviel Zeit hatte ich einfach nicht.

Und auch jetzt hatte ich wieder Glück: Die Züge der letzten beiden Stunden in meine Stadt waren ersatzlos ausgefallen, aber meiner fuhr mit nur 5 Minuten Verspätung und ich bekam noch einen Becher Pfefferminztee geschenkt. Wir mußten zwar mitten auf der Strecke nochmal einige Kilometer zurück, weil eine Weiche kaputt war, aber schafften es, mit nur 30 Minuten Verspätung hier anzukommen, so daß ich pünktlich zu meinem nächsten Termin kam: Zwei alte Herren hatten mich um ein Treffen gebeten, um sich fachlichen Ratschlag für ihren seit 65 Jahren bestehenden Männerchor geben zu lassen. Das hätte ich wirklich um nichts in der Welt verpassen mögen, und ich hatte auch wirklich bei einer gepflegten Tasse Tee viel Spaß mit den beiden. 😀

24. November 2010

Arbeitswoche

Dies ist eine Ausnahme-Arbeitswoche. Am Montag wurde ich angerufen, ob ich nicht (verzweifelt-fröhliches Lachen im Telefon) Dienstag früh kommen und bis Freitag 16 Uhr bleiben wolle. Öhm. Ja, klar. Ist ja nicht so, als hätte ich eine Wahl. Schließlich hatte ich um mehr Stunden gebeten und nicht bekommen. Cool, jetzt kriege ich mehr Stunden. Ob die wohl auch bezahlt werden?
Jedenfalls war ich gestern noch recht sanft von 10 bis 22 Uhr eingeteilt und hatte sogar von 14-15 Uhr Mittagspause. Theoretisch. Praktisch sah es so aus, daß ich die ganze Zeit auf Abruf saß, aber nicht eingesetzt wurde. Irgendwann laß ich das Skript nur noch mit halber Hirnkapazität mit und benutzte die andere Hälfte zum Sockenstricken. Als mein Kollege und ich Hunger bekamen und fragten, wie es denn mit einer Pause aussieht (in Proben hält man sich da oft nicht an Uhrzeiten, sondern die Bedürfnisse der Ausführenden im Probenablauf) meinte der Inspizient ebenfalls verzweifelt-fröhlich: Pausen gibt es heute nicht. Jeder macht Pause, wann er denkt und wird durchgerufen, wenn er gebraucht wird. Wir hirschten also mit Funkgerät bewaffnet in die Kantine, schoben ein schnelles Mittag ein und hirschten zurück, nur um festzustellen, daß wir noch immer nicht gebraucht wurden.
Um 14.30 mußte ich zu den Herren Chefs ins Parkett, weil mein Nichtstun plötzlich „wichtig“ war und ich „das Recht“ dazu hatte, vorne zu sitzen (augenroll) – was den Fortschritt der Socke massiv beeinträchtigte.
Um 18.30, nachdem ich 4 Stunden meine ganze Kraft dazu gebraucht hatte, ein interessiertes Gesicht vorzugeben und gelegentlich – etwa einmal pro Stunde – eine musikalische Frage zu beantworten, während ich im Halbschlaf auf die Bühne schielte und hörte, wie alle anderen die weitere Probe bis 22 Uhr und die danach spontan geplante Nachtschicht besprachen, hatte Cheffe einen Anfall von Gnade und schickte mich nach Hause. Ich rannte förmlich raus, denn er ist nicht für Gnadenakte bekannt und ich wollte weg sein, bevor es jemand bemerkt.
Dann stand ich eine Stunde am Bahnhof und fror mir den Hintern ab. Als mein verspäteter Zug endlich durchgesagt wurde, stieg ich erleichtert ein, nur um drinnen festzustellen, daß es eben nicht mein Zug war. Glücklicherweise teilten beide Linien sich noch die nächste Haltestelle, so daß ich nach nur weiteren 10 Minuten im eiskalten Wind endlich heimkam und nicht an der Ostsee landete. Zu Hause angekommen war mir so kalt, daß ich kaum den Autoschlüssel ins Schloß bekam. Aber dank der cheflichen Gnade war mein Mann noch wach und ließ mir sofort eine heiße Wanne ein. *knuddel* Dazu brachte er mir eine Tasse heißen Apfeltee mit Zitrone und schon war klein Wolfi wieder glücklich.

So – heute ziehe ich mich doppelt so dick an wie gestern, denn ein zweiter Gnadenakt dürfte mir kaum gewährt werden, und da es jetzt gerade die ersten Flocken des Jahres schneit, wird es wohl heute Nacht so richtig schön eisig. Also dann – ich muß zum Zug. 🙂

25. September 2010

After Show Chaos

So Ihr lieben geduldigen Leserinnen, da bin ich jetzt wieder. Dieser Beitrag wird etwas länger, also holt Euch noch einen Kaffee, oder wer sich nicht für die Hochzeitsreise und viel Alltagsblabla interessiert, kommt einfach nächste Woche wieder.
Wir fuhren zunächst nach Thüringen, wo wir neben der Verwandtschaft auch die Saalfelder Feengrotten besuchten. Die sind ein stillgelegtes Bergwerk, das im Guinnesbuch steht als farbenreichstes Höhlensystem der Welt, und dessen Hauptattraktion, der Märchendom, eine schöne Hintergrundgeschichte hat von Bergleuten, die nach einem Einsturz diese wunderschöne Höhle entdeckten und meinten, dort Feen und/oder weiße Frauen gesehen zu haben. Vom Eingang aus sieht man zunächst den sehr liebevoll gestalteten Kinderspielbereich:

Dann geht es in den Berg hinein. Der Führer unserer Tour war ein ehemaliger Bergmann, der unheimlich viel aus seinem Beruf zu erzählen hatte. Manche der Gänge waren unglaublich eng, man mußte Kopf und Schultern einziehen und sich teilweise halb quer irgendwo durchschieben. Was mir heimelig und romantisch vorkam, war wahrscheinlich für die Bergleute vor 100 Jahren täglicher Horror.

Manche Höhlen leuchteten in allen Farben, daher auch der Guinnesbucheintrag:

Und am Schluß kamen wir in den Märchendom, sahen dort eine Lichtshow mit Enyamusik (manche Sachen müssen wohl einfach sein) und bewunderten Stalagtiten und Stalagmiten. Und ja, ich weiß, welche welche sind, seit ich bei einer ähnlichen Führung vor fast 20 Jahren mal einen völlig idiotischen Witz des damaligen Bergführers gehört habe.

Der Märchendom:

Dann fuhren wir in Richtung Frankreich, und an diesem Tag begann das Chaos. Direkt an der Grenze machten wir einen Zwischenstop in einem kleinen Hotel, das uns eine schlaflose Nacht bescherte, denn es waren in unserem Zimmer derartig viele Mücken, daß wir beide trotz ständigen Um-uns-Schlagens am nächsten Morgen übermüdet und am ganzen Körper voller Stiche aufwachten. Außerdem konnte sich offenbar niemand an den am Telefon vereinbarten Preis erinnern und mir wurde eine „offizielle“ Preisliste unter die Nase gehalten, deren Angaben natürlich deutlich höher lagen. Grummel. Nach dem Frühstück packten wir unsere Sachen und mußten dabei feststellen, daß wir weder die Toilette benutzen noch auch nur die Zähne putzen konnten, denn man hatte unangekündigt das Wasser abgestellt. Wir waren zu müde für einen Aufstand und zogen einfach von dannen.
In Frankreich wechselten wir uns mit dem Fahren ab, wobei ich die Strecke durch Lyons abbekam, die ich tierisch anstrengend fand, weil wir über die Stadtautobahnen mußten, unendlich viele Abfahrten zu nehmen hatten und die Leute dort mit dem natürlichen Selbstbewußtsein der Großstädter fuhren. Ähem. Irgendwann Abends landeten wir in einem kleinen Kaff in der Provence, genau wie gewünscht. Der Vermieter des von uns gewählten winzigen Häuschens war ein Deutscher, der seinen Lebensabend auf einem ziemlich großen Grundstück mit Pool und allem Tralala in Südfrankreich verbringt und sich ein bißchen was nebenher verdient, indem er eben jenes Häuschen auf deutschen Touristikseiten bewirbt. Es stand an einer sehr ruhigen Stelle, mitten zwischen Weinbergen, war sehr rustikal und auf den ersten Blick wirklich hübsch. Auf den zweiten Blick – den, den man wirft, sobald der Vermieter weg ist – war es unglaublich dreckig. Im Kühlschrank fehlte zwar die Glühbirne, dafür gab es aber eine Handvoll Schimmel gratis. Der Boden knirschte beim Drübergehen und irgendwie mußten wir uns schon ziemlich zusammennehmen, um uns das alles schönzureden.
Gleich beim ersten Duschen teilte ich mir das Bad mit einem Skorpion. Er saß direkt über dem Wasserhahn und war vermutlich ebenso verblüfft über meine Anwesenheit wie ich über seine. Er war nur etwa daumennagelgroß, und ich wußte, daß es in der Region Skorpione gibt, die nicht tödlich sind, sondern nur lähmen, daher dachte ich mir: Okay, wir haben uns kennengelernt und ich bin zwar nackt, aber mit einem Wasserstrahl bewaffnet, also bitte. Er versteckte sich auch gleich hinter einer Badfliese.
Am Abend desselben Tages traf ich die Mama, als ich eine Küchenrolle aus dem Küchenregal nahm, und sie krabbelte ziemlich hektisch davon – hinter das Regal. Da die „Küche“ nur einen Quadratmeter groß war, die Mama aber schon gut ihre 6 Centimeter hatte, fand ich das schon nicht mehr so entspannend. Am nächsten Morgen tapste ich schlaftrunken (schlechtes Bett! Heißes Wetter!) ins Bad und sah dort Papa Skorpion in der Wanne sitzen. Er war beeindruckend groß und kam gottseidank die glatte Fläche nicht hinauf. Ich starrte ihn eine Weile an, tapste dann wieder hinaus und sagte: „Schatz, wir haben einen skorpion in der Wanne.“ Da Schatz die anderen beiden nicht gesehen hatte, guckte er ganz neugierig nach und wir berieten uns ziemlich lange, ob wir ihn herunterspülen oder einfangen und wegtragen sollten. Herunterspülen fanden wir beide doof, da wir eher Tierretter sind, aber Einfangen? Bei dem Stachel? Nun ja, wir entschieden uns tatsächlich für Einfangen, was mein Freund erledigte, und ich brachte dann das Glas hinaus in einen Weinberg, drehte es dort 3x im Kreis und schüttelte unseren kleinen Freund dann hinaus mit der Bitte um längeres Fernbleiben.
Die nächsten 2 Nächte gewitterte es. Ich liebe Gewitter. Und in diesen beiden Nächten hatte ich zum ersten Mal richtig Angst. Es war unglaublich laut, der Regen prasselte mit einer riesigen Wucht auf das Dach, und wir dachten aufgrund der bloßen Regenlautstärke in der zweiten Nacht sogar, es würde hineinregnen. Immerhin hatte die Decke schon vorher Wasserflecken gehabt. Als wir sicherheitshalber aufstanden, um nachzusehen und überall das Licht anknipsten, war es zwar im ganzen Häuschen trocken, aber an Wänden und Decken hing Besuch.

Da der Besuch hinter den Bilderrahmen (deren Anzahl und Größe uns in diesem kleinen Haus ohnehin gewundert hatte) und Regalen hervorkam und ein Partygast sich sogar, wir führten ja eine einigermaßen fassungslose Inspektion durch, unter der Matratze klebte, beschlossen wir spontan, die restliche Nacht auf der Ladefläche des Autos zu verbringen. Am nächsten Morgen packten wir unsere Sachen (und schüttelten jedes einzelne Stück gründlich aus) und fuhren zum Vermieter, der zum Sachverhalt Skorpione nur die Achseln zuckte und „willkommen in Frankreich“ sagte – dabei hatten wir nichts gegen Skorpione, nur gegen die schiere Masse – und alle sonstigen Kritikpunkte schlicht überging. Schlecht gelaunt weil im Voraus bezahlt verließen wir den Ort und fuhren erstmal nach Vaison la Romaine. Dort schlenderten wir eine Weile herum und suchten uns dann eine Touristeninformation, die uns ein Prospekt mit Zimmern in der Gegend gab. Daraufhin fanden wir ein extrem schönes kleines Zimmer in der Nähe, geführt von einer äußerst kultivierten Frau, die mit uns in drei Sprachen redete, einen laut Schild „Chien de Luxe“ – eine kleine Ratte von einem Hund – beherbergte, zum Frühstück Mozart und Händel auflegte und zwischendurch Stilleben in Öl malte. Es war einfach fantastisch. Hier blieben wir zwei Tage, die allerdings voll mit Kulturbesuchen waren.

Märkte

Das war Isle-sur-la-Sorgue, deren kleine Gassen in der Innenstadt mit Marktständen förmlich überschwemmt waren. Die Stadt liegt halb auf der Sorgue, was für viele Brücken, romantische Ausblicke und einigermaßen kühle Stellen auch bei den über 30° sorgt, die wir hatten. Es war unglaublich bunt, trubelig, sehr sehr voll mit Menschen und Hunden, es gab unheimlich viele Kunsthandwerkerstände und total leckeres Essen: Käse, Obst, überbordende Wurststände (nicht mein Fall, aber wir haben eine als Mitbringsel mitgenommen und damit große Freude ausgelöst), Klamotten handgefilzt oder handgenäht und vieles mehr.

Nyons:

Hier in Nyons waren wir nach unserem Umzug auf einen Tip unserer neuen Vermieterin hin. Die Stadt liegt zwischen Bergen und ebenfalls an einem kleinen Fluß. Dieser Markt war auch ziemlich groß, bunt, beeindruckend vielfältig und sehr sympathisch. Mein einziger Schock war ein kleines, hübsch dekoriertes Tischchen mit Gläsern, die nach Delikatessen aussahen. Ich hielt sie für Honiggläser und fand die Deko mit den niedlichen kleinen Tonschnecken sehr süß, bis mein Mann mich darauf hinwies, daß Honig gemeinhin mit Bienen dekoriert würde und sich in den Gläsern vermutlich etwas anderes befände. Also das fand ich dann nicht mehr so toll. Arme kleine Schnecken!
Außerdem schenkte mir mein tollster aller Männer ein paar Haarspangen, die zwar nicht länger als eine Stunde in meinen Haaren halten wollen, aber wirklich wunderschön aussehen, mit kleinen geschmiedeten Schmetterlingen dran.

Orange

In Orange waren wir erst am Abend unseres unfreiwilligen Umzugs, und da war das Amphitheater leider schon geschlossen. Es ist allerdings auch von außen sehr beeindruckend. Ich habe keine Ahnung, wie man ohne Kran so etwas bauen kann. Der Wahnsinn. Die Stadt selbst ist nicht allzu lauschig, eher eine typische mittlere Großstadt. Wir haben uns dort noch auf einen Markt gesetzt und ganz besonders leckere Pizza gegessen. In Frankreich scheint man auf Pizza zu stehen, und das war das einzig Leistbare für uns.

Daneben ist der Arc de Triomphe, von wo aus ich mit Amala telefonierte, während Hundertschaften von Raben und Krähen über uns hinwegzogen und ein riesiges Krakeele veranstalteten.

Avignon

Papstpalast

…durch den wir ganze 2 Stunden liefen mit einer deutschen Führung am Ohr über eine Art Schnurlostelefon. Leider erklärte dies die wirklich interessanten Dinge nicht, nämlich die Ausstellungsstücke von damals, wie z.B. diese interessanten Bilder:

Tja, leider nur auf Französisch beschildert. 😦

Von innen war der Palast auch beeindruckend, teils schon wegen seiner schieren Größe, teils wegen dieses ungeheuren Prunks – nicht auf die barocke, überladene Art, sondern auf eine frühere, mittelalterlichere Art, die darum umso kompromißloser zeigte, welchen Status die Päpste hatten und verlangten.

Als in Frankreich die Fenstersteuer eingeführt wurde, wurden folgerichtig sämtliche Fenster zugemauert und so gibt es überall diese bemalten ehemaligen Fenster, die zumindest von außen und von Weitem ähnlich aussehen.

Die Kirche in Oppede, auf dem nächsten Foto, wird gerade restauriert. Auf dem Bild ist ein Ausschnitt vom Altarraum. Auf dem Bild in der Mitte nimmt Maria den zentralen und erhöhten Platz ein, was ich bemerkenswert fand. Die Farben leuchten ganz unglaublich, und die Verzierungen überall waren sehr vielfältig und sehr bunt, mit einer Lebendigkeit die mit unserem – oder zumindest meinem – Bild vom Mittelalter irgendwie nicht viel zu tun hat.

Den Berg kann man bis ganz nach oben gehen, allerdings die Klosterruine nur auf eigene Gefahr betreten, wie ein winziges, halb von Büschen überwachsenes Schild verrät. Wir wollten es unbedingt wagen und haben uns einige sehr individuelle Natursteinstiegen hinaufgeschoben, um dafür mit einem wunderschönen Ausblick und einer wirklich zauberhaften Ruine belohnt zu werden.

Außerdem durfte ich in Vaison Wein verkosten. Der erste Schluck hat mich fast aus den Latschen gehauen. Ich hatte das Gefühl, ich würde zum ersten Mal in meinem Leben Wein trinken, so lecker war der. Nicht mit Lidl vergleichbar ist eine starke Untertreibung. Wir packten einen ganzen Wagen voller Flaschen und 5-Liter-Kanister und fuhren damit einen Tag früher als geplant nach Hause zurück, wobei wir wieder an der Grenze zwischenstoppten, diesmal allerdings um die Ecke von Amala, die ich dann auch gleich noch besuchen durfte. Das war ein toller, wenngleich auch kurzer, Abend und ich bin wirklich dankbar, Euch kennengelernt zu haben.

Ganz ehrlich – so habe ich mir meine Hochzeitsreise nicht vorgestellt. Am Anfang nicht so doof, und am Ende nicht so schön. Alles in Allem war es aber wirklich toll. Um den Rest des Chaos‘ (ich durfte ja nahtlos gleich am nächsten Morgen arbeiten gehen, in meine frisch erworbene Zweitstelle als Lehrerin in einer Klasse verhaltensgestörter Teenager) zu erzählen, reicht der Tag nicht mehr, das hole ich alsbald nach.

Edit: Ich habe jetzt ewig herumprobiert und schaffe es nicht, die Fotos nach meinem Wunsch in den Text zu sortieren, aber so sieht es wenigstens einigermaßen passabel aus. Vielleicht brauche ich doch mal bald ein praktischeres Template oder einen WordPress Crashkurs, denn intuitiv funktioniert hier nix.
Bitte auf die kleinen Bilder einfach klicken, dann werden sie normal. Seufz.

1. Juli 2010

Juli

Und der brachte mir mehrere Erkenntnisse:

– Seit die Stadt auf den Straßen Radfahrerstreifen freigestellt hat, fahren die Radfahrer nicht mehr am Straßenrand (im jetzigen Radfahrerstreifenbereich) sondern ganz klar links daneben auf der Straße. Könnt ja sein, daß auf dem Fahrradstreifen ein Fußgänger kommt?!?

– Obst aus dem eigenen (naja, elterlichen) Garten ist einfach das leckerste.

– Schafe können Zwillinge kriegen.

– Mein Papa ist der Beste.

– Eine Kellerwohnung war die richtige Entscheidung im Hinblick auf die Außentemperatur.

– Und ich kann doch Fertigmischungen kochen!

7. Juni 2010

Zwischenbericht

Es gibt Zwischenstandsmeldungen aus verschiedenen Bereichen, und es ist gut, daß wir uns schriftlich verständigen, denn sonst müßte ich SCHREIEN, DAMIT MAN MICH HÖRT, DENN VOR MEINEM OFFENEN SCHLAFZIMMERFENSTER RAST DER MÄHER DURCH DEN HINTERHOF.
Vorher aber: In den Suchbegriffen, die zu meinem Blog führten, stand „woher kommt das Wort Maisonette“, daher hier mal die simple Antwort: von Maison, französisch für Haus. Die Endung -ette ist eine Verkleinerung, also Häuschen. Der Begriff wird für mehrstöckige Wohnungen innerhalb von Mehrfamilienhäusern benutzt, sozusagen für ein Haus in einem Haus; ob es in Frankreich auch einfach kleines Häuschen bedeutet, weiß ich nicht.

Nun zu mir und den kleinen Erfolgen: Ich habe endlich, endlich den Stoff für’s Brautkleid gefunden. Nachdem ich bereits durchsichtige weiße Baumwolle und gummiartige grüne Elastikstoffe vorgesetzt bekam, macht ich mich am Freitag nochmal auf zu einer Shoppingtour in Berlin. Ich kenne Berlin nicht besonders gut, hatte mir aber einige Läden im Internet herausgesucht und die dazugehörigen S- und U-Bahn-Haltestellen und lief los. Sollte ich nichts finden, bis die schlechte Laune einsetzt, so nahm ich mir vor, würde ich eben nur weißen Stoff kaufen und die ursprünglich grün geplanten Ärmel einfach besticken.
Der erste Laden war ein reines Wollgeschäft, das nicht einmal Stickgarne führte, aber ein gutes Sortiment schöner Wolle, auch handgewobener und Filzwolle, so daß ich möglichst rasch die Flucht ergriff, um mich nicht arm zu machen. Die Besitzerin erzählte mir von einem Stoffgeschäft um die Ecke, doch als ich dort ankam, begannen die dort gerade die erste Minute ihrer zweistündigen Mittagspause und ließen mich von der verschlossenen Tür her zugucken. Na gut.
Zurück in der U-Bahn stieg ich in einen Waggon, in dem ein Mann von Mitte dreißig im Anzug und mit zornrotem Gesicht herumtigerte, gegen Sitze und Haltestangen trat und wüste Beschimpfungen vor sich hinzischte. Ich ließ mich vom Einsteigeschwung gleich so weit wie möglich ans andere Ende des Abteils tragen und hörte unterwegs 4 coole Jungs in leisem türkisch-deutsch diskutieren, ob sie das nicht auch tun sollten, bevor der Kerl Amok läuft.
Dann lief ich zu einer Adresse in einem alten Fabrikgebäude. Hinter der Hausnummer verbarg sich ein ganzer Häuserblock, in dem Wirtschaftsprüfer, ein Kinderheim und ein deutsches Restaurant mit ausschließlich arabischen Kellnern verbargen. Die Kellner waren sehr nett und hilfsbereit und hatten keine Ahnung von einem Stoffgeschäft, meinten aber, ich solle doch mal im Klamottenladen da vorne fragen. Dort half man mir 4 Häuser weiter in das gesuchte Stoffgeschäft – ja, es war tatsächlich eins. Nur leider führten sie nur Wohnstoffe, keine Kleiderstoffe. Der Inhaber empfahl mir zum Trost ein anderes Geschäft, und zwar ausgerechnet das, wo man mir vor einem Monat das gummiartige grüne Zeug angeboten hatte. Danke. Ich lief in den nächsten Laden und kaufte mir 0,75 Liter Flüssigkeit, die ich bis zur nächsten U-Bahn-Station heruntergekippt hatte. Langsam wurde ich etwas pflastermüde.
Das nächste Geschäft war wieder ein reines Wollgeschäft, wieder mit einem sehr schönen Sortiment und einer ungeheuer bemühten Inhaberin, die mir gleich zwei weitere Adressen empfahl, nämlich einen Markt („da können Sie Glück haben, aber manchmal findet man auch gar nichts“), und ein Wollgeschäft, das nur 4 Straßenbahnstationen entfernt war („die führen aber eigentlich kaum ja einfarbige Stoffe, sondern immer so bunt bedruckte Sachen, mehr für Kinder“). Es klingt nicht so, aber zu diesem Zeitpunkt war ich schon über 3 Stunden unterwegs, und Shopping gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, die schlechte Laune begann also schon einzusetzen.
Ich entschied mich zunächst für das Geschäft, weil es den Namen meiner Lieblingsblumen trägt. Dort angekommen fand ich ein kunterbuntes Farbmeer, Stoffe, die von der Decke hingen, in den Fenstern lagen, auf Tischen ausgebreitet waren und dort lagen sie, nebeneinander – mein Grün und mein Weiß. Beides Naturstoffe. Eine passende Kordel hatten sie auch noch. Ich sage also aus vollem Herzen: Danke, Frau Tulpe! Sie führen übrigens auch Biostoffe und haben, soweit ich weiß, eine Filiale in Hamburg.

Das gesamte Wochenende war dann geprägt von unserem Umzug. Dies ist unsere letzte Woche, am nächsten Wochenende wollen wir komplett hier raus sein. Wir haben also gepackt und geschleppt und gepackt und geschleppt und eigentlich nichts von dem wunderbaren Sommerwetter genossen, das endlich hier ankam. Gestern Nachmittag suchte mein Vater uns spontan heim und packte mit an, und nun habe ich schon sämtliche Hängeschränke in der neuen Küche und kann heute dort schon einiges einräumen.

So – denn wolln wa ma. Habt eine schöne Woche!

6. Februar 2010

/ Postboten und Nazijugend

– noch so ein Haßobjekt für den Hund. Er erkennt Postboten, egal ob sie in gelber, blauer oder roter Uniform kommen, ob mit Fahrrad, zu Fuß oder im Lieferwagen, und er bellt sich die Seele aus dem Leib. Fahren wir im Auto durch die Stadt und irgendwo steht ein Mensch hinter einem roten Fahrrad mit Packtaschen – bell, bell. Klingelt es an der Tür – bellbellbellebell… Bis wir eines Tages mal unserer Postfrau vor der Haustür begneten und sie, eine unglaublich nette und burschikose Frau von etwa 50-55 Jahren, mit lauter Stimme sagte: „Na denn komma her, ick hab da wat für dich“. Und einen Hundekeks aus der Hosentasche zog. Sofort wurde mein Hund brav und machte Sitz. Der bestechliche, gierige kleine „!$&§$/.
Er bellt alle anderen Postleute nach wie vor lautstark an, diese nur noch halbstark und bekommt auch gelegentlich noch einen Keks von ihr. Witzigerweise gehe ich oft mit ihm auf die Hauptpost und er ist dort total artig. Er mag die Postfrauen, hat in meinem früheren Wohnort sogar mal einen Schokonikolaus bekommen, als wir die Weihnachtspost aufgegeben haben, und hier durfte er mal ins Paketlager schnüffeln, und alle mögen ihn und er mag alle. ?!? Wir haben schon die Vermutung angestellt, als er noch ein Welpe war, hätte eine Postfrau auf einem Fahrrad den Hund mit einer Katze durchgeprügelt. (Er bellt nämlich auch Fahrräder, Rollstühle und Rollkoffer an.)

Gestern Nacht kam ich wieder im Regional“express“ von der Arbeit und setzte mich wie immer möglichst abseits, denn ich hatte ein spannendes Buch und wollte ungestört lesen. Ich wählte ein 8-Platz-Zwischenabteil, immer 4 Sitze einander gegenüber. Auf halber Strecke stiegen 6 Wannabe-Neonazis ein, die einen schier unglaublichen Alkoholgeruch verbreiteten und sich mit in mein Abteil kuschelten. Ich las erstmal weiter, denn ich habe bisher immer die Erfahrung gemacht, daß das Pöbeln erst anfängt, wenn man betreten hochguckt oder deutlich signalisiert, daß man sich in der neuen Gesellschaft nicht wohlfühlt. 2 Minuten ging mein Konzept auf, dann grölte der Typ mir gegenüber, ich Alte hätte wohl keinen Spaß am Lesen („Die dunkle Seite“ von Schätzing, war grad ne düstere Stelle, und in meinem Gesicht spiegeln sich die Bücher, die ich lese, wie in Fensterglas). Er wiederholte seine Bemerkung mehrmals und fuchtelte mit dem Finger in meine Richtung, wohl unzufrieden, daß ich noch immer nicht reagierte. Da es in solchen Fällen nicht das Geringste bringt, aufzustehen und wegzugehen (die kommen halt einfach hinterhergelatscht und finden das noch witzig), bracht ich wieder meinen alten Spiegeltrick zum Einsatz: Kurz die Augen schließen und sich vorstellen, man wäre von einem großen Spiegel umgeben oder ein Spiegel stünde zwischen den Unsympathen und mir selbst, die spiegelnde Seite immer zu den anderen, dann werden ihre Gedanken und Taten reflektiert. Gestern stellte ich mir ein riesiges Energie-Ei rund um meinen gesamten Körper vor, dessen Außenflächen spiegeln. Außerdem, da ich mich wirklich höchst unwohl fühlte, schickte ich ein paar Stoßgebete los und erklärte, jetzt wäre mal ein guter Zeitpunkt für Schutzengeleinsatz. Keine 30 Sekunden später grölte ein Typ links von mir, der Typ gegenüber solle doch „die Dame“ mal in Ruhe lesen lassen. Die anderen schlossen sich dieser Meinung an und sagten ihm, er solle mich in Ruhe lassen, und dann lotsten sie ihn unter weiteren Kommentaren dieser Art zur Zugtür, wo sie stehenblieben, bis sie aussteigen mußten. Grandios. Ich liebe den Spiegel. Mir ist auch total egal, warum es funktioniert – vielleicht entspanne ich mich nur so, daß meine Körpersprache viel selbstbewußter wird – aber es funktioniert.

17. Dezember 2009

Von Schnepfen und Schornsteinfegern

Gestern. Zwei Schnepfen im Zug. Beide deutlich jenseits der 60, sehr gepflegt, blondierter und künstlich in eleganten Wellengang versetzter Kurzhaarschnitt. Ich zwei Sitzreihen dahinter, kann mich ihrem Gespräch nicht entziehen – zunächst nur aus Dezibelgründen, bald jedoch auch aus wachsender Ungläubigkeit. Es geht um „Die Ausländer“. Diese beiden Damen sind ernstlich der Ansicht, Handwerker, die ihren Beruf im Ausland gelernt haben, hätten nicht die nötigen Voraussetzungen, hier zu arbeiten. Man nehme nur die Schornsteinfeger. Früher, da gab es noch richtige Schornsteinfeger, die sind noch richtig auf’s Dach gestiegen und haben dann da ihren Besen da reingesteckt (ich grinse kurz). Damals gab es auch noch Bezirksschornsteinfeger! Und Kreisschornsteinfeger. Und heutzutage? Pah! Die lesen bloß noch irgendeinen Zähler ab, heute steigt da keiner mehr auf’s Dach, die machen, was sie wollen und das muß dann bloß noch der… der… Obermeister, der muß das dann bloß noch absegnen. Da kommen dann irgendwelche völlig unzureichend ausgebildeten Leute aus Spanien (‚Scha-phanien!“) oder sonstwoher und wollen etwa in unserem Land Arbeit. Und das, wo sie doch gar nicht die Voraussetzungen haben!!! (Empörtes Schnaufen)
An dieser Stelle muß eine der Schnepfen Damen mal ganz elegant kacken zur Toilette. Als sie zurückkommt, wendet sich das Gespräch mit gleicher Intensität ihrer Mütze zu. Diese sei doch am Hinterkopf etwas zu lang (Aufsetzen und Vorführen der Kopfbedeckung), und im Übrigen suche die Dame ohnehin eher nach einem schwarz-weißen Komplettset. Schwarz-weiß ist auch genau, was zu ihrer Mentalität paßt, denke ich, so wunderbar klar und einfach wie, zum Beispiel, richtig und falsch, Arier und Gesindel, ich und alle anderen.
Während sich der Schnepfentalk der fachgerechten Zubereitung einer Pute widmet, beginne ich zu begreifen, wes Geistes Kind die Menschen offensichtlich sind, die unsere absurde und in meinen Augen sogar gefährliche Regierungskoalition gewählt haben. In mir entspinnt sich eine Argumentation nach der anderen (Wer putzt wohl die Schornsteine der Luxushotels im spanischen Mallorca, in denen sich tausende Deutsche jedes Jahr wieder als anstands-, würde- und sittenlose Dreckschweine generieren? In welchem Land sitzen wohl die fleißigen kleinen minderjährigen Bienchen, die schwarz-weiße Komplettsets herstellen? Wohin führen wohl die lukrativsten Geschäftsbeziehungen der offensichtlich gut betuchten Schnepfen-Gatten? …) und ich bin stark versucht, aufzustehen und ihnen gegenüber meiner Dankbarkeit dafür, daß sie einer aussterbenden Generation angehören, verbal Ausdruck zu verleihen, doch da kommt, dem inneren Sozialfeigling zuliebe, meine Station.
Puten. Schwarz-weiße Komplettset-Puten.
Ich glaube, dauerhaft auf das Zugfahren verzichten kann ich so nicht. Diese menschlichen Abgründe sind einfach zu faszinierend, irritierend und unmittelbar.

Nun ja, meine Laune stieg schlagartig an, als ich gestern auf der Arbeit ankam – Kollegin Immerperfekt hatte ausnehmend gute Laune und Kollege Ichrednurmitmeinerkippe war wieder mal krank, der einspringende Kollege ist super nett und als Gesellschaft hatten wir noch eine Azubi, die, wenn sie nicht gerade den Körperumfang anderer Frauen bekrittelt (was mir als Halbklops wirklich den Nerv raubt), ein netter und lustiger Gesprächspartner ist. Der Abend hat sich also noch sehr nett entwickelt.

Hier ist die neueste wundervolle Zusammenfassung des Musikantenstadls, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.

Und das Filzdeckchen, daß ich im Strickfilzverfahren für meine Schwester B gemacht habe (hat sie sich gewünscht), wollte aus irgendeinem Grund nicht Filzen. Ich habe extra Filzwolle gekauft und mich dazu durchgerungen, sie nicht mit der Wollwäsche kalt, sondern bei 30° in die Maschine zu geben, und das Deckchen kam raus und drehte mir eine Nase. Da ich mir sowas nicht gefallen lasse, habe ich es gleich danach mit den Handtüchern in den 60°-Intensivwaschgang gepackt. Jetzt ist es verfilzt und leicht geschrumpft, aber immer noch etwas knubbelig. Ist das normal? Ich meine, es sind kleine Knubbel, wo vorher die Strickmaschen waren. Da ich vor dem Wochenende nicht mehr wasche, es aber meiner Schwester am Samstag geben will, werde ich es nochmal in warmes Seifenwasser legen und von Hand nachfilzen.